Berliner Schloss : Sommerschlossverkauf

Wer die Lust am Wählen nicht verloren hat, für den gibt’s nun die ideale Lektüre: den dritten Katalog der Fassaden- und Schmuckelemente des Berliner Schlosses. Christiane Peitz hat schon schon mal darin geblättert.

Christiane Peitz

Wer die Lust am Wählen nicht verloren hat, für den gibt’s nun die ideale Lektüre: den dritten Katalog der Fassaden- und Schmuckelemente des Berliner Schlosses. Sie haben die Wahl, dank Wilhelm von Boddiens Förderverein, der 80 Millionen Euro für die Wiedererrichtung der historischen Fassade zu sammeln verspricht. Darf’s eine von Pax und Fama getragene Eosander-Kartusche sein (706 000 €) oder lieber eine mit muschelbekröntem Wappen (246 800 €)? Ein Bronzerelief mit Schlosserbauer Friedrich persönlich (430 000 €), eine Eichenlaub-Rosette aus dem Schlüterhof (35 300 €)? Kleinbausteine gibt’s ab 50 Euro, der Lion’s Club will die Löwenköpfe im Schlüterhof, die Zahngesimse eignen sich für schlossbegeisterte Dentisten. Nur das Schlüterportal I ist weg – wobei „weg“ der falsche Ausdruck ist. Die Fassade wird ja nur symbolisch verkauft, sie bleibt Volkseigentum.

Deutschland im Schloss-Spendenfieber? Zwar erwähnt der Förderverein im Begleitschreiben zum Katalog die aktuellen juristischen Probleme. Der Brief beginnt dennoch frohlockend: „Die abschließenden Architekturentwürfe für das Humboldtforum im Berliner Schloss werden demnächst fertig gestellt“, die Bundesregierung werde sie womöglich schon im Oktober veröffentlichen. Man reibt sich die Augen: Nach dem Kartellamtsurteil vom 11. September hat das Schloss zurzeit keinen Architekten. Der Vertrag mit Franco Stella ist ungültig. Bis zum Berufungsbeschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf gehen Monate ins Land. Dann muss wohl ein neuer Vertrag ausgehandelt werden. Bis dahin haben Entwürfe bestenfalls Wolkenkuckucksheimvorteil, von der Ausschreibung von Ausführungsarbeiten zu schweigen.

Der Förderverein ist wegen seines Umgangs mit den bisherigen Spenden (11,3 Millionen Euro) aufgefallen.

Der Verein unter Vorsitz des Theologen Richard Schröder verhält sich immer seltsamer. Zum einen schmückt er sich mit dem Renommee der unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Köhler bundesoffiziell gegründeten „Stiftung Berliner Schloss/Humboldtforum“, die als Bauherr fungieren und für die Spendenakquise verantwortlich sein wird (einschließlich der zu übernehmenden Fördervereinsspenden): Verwechslung ist durchaus erwünscht. Außerdem verweisen Schröder und Geschäftsführer Boddien auf einen Besuch des Stella-Teams samt Mitarbeitern des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung im Atelier des Schlossbildhauers Matthias Körner, der Prototypen für die Fassade erstellt. Man habe sich „tief beeindruckt“ gezeigt.

Sieht so aus, als ob der Verein mit dem Pochen auf das von ihm mitfinanzierte Know-how Fakten schaffen will: Wer den Zuschlag für die Herstellung der Fassadenreplik erhält, kann kein Mensch wissen. Und drittens wird mit der gebotenen Eile argumentiert; die Sandsteinbauteile müssten bis Baubeginn fertig sein. Fleiß und Eintracht, die Skulpturen am Treppenhaus-Risalit im Schlüterhof, sind übrigens schon vergeben.

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