Berliner Schloßplatz : Neue Videoinstallationen im White Cube

Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz inszeniert Jack Nicholson in zwei Dutzend Rollen in der Temporären Kunsthalle auf dem Berliner Schloßplatz.

Nicola Kuhn
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Gedoppelter Gauner. Jack Nicholson in Breitz' Videoinstallation in der Temporären Kunsthalle. -Foto: Ziehe/ Courtesy Yvon Lambert, White Cube

Siebenhundert Besucher zählt die Temporäre Kunsthalle am Tag. Das ist eine ganze Menge, selbst wenn die großzügig hinzugerechneten Gäste der knapp einen Monat zurückliegenden Vernissage wieder abgezogen werden. Zum Vergleich: Das Lieblingsmuseum der Berliner, die Sammlung Berggruen in Charlottenburg, hat täglich 300 Besucher. Nun soll das Publikum ein zweites Mal kommen zur Eröffnungsausstellung mit Candice Breitz, die zwei ihrer insgesamt drei Videoinstallationen ausgetauscht hat – bei 6 Euro Eintritt ein mutiges Unterfangen.

Der Temporären Kunsthalle, die sich frei finanziert, steht die Bewährungsprobe also noch bevor. Nachdem der Wiederaufbau des Stadtschlosses, zumindest der barocken Fassaden, mit der gestrigen Entscheidung im Architektenwettbewerb in greifbare Nähe gerückt ist, repräsentiert der nüchterne Kubus im Wolkenkleid auf dem Schlossplatz noch stärker die Hoffnung für eine zeitgemäße künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Mit der in Berlin lebenden, südafrikanischen Videokünstlerin Candice Breitz wurde zum Einstand eine hervorragende Wahl getroffen. Das bestätigt sich auch bei ihrer zweiten Halbzeit, obwohl es keine glückliche Entscheidung war, mittendrin „umzuhängen“, wie es Galeristen auf Kunstmessen gerne machen, um ihre Ware breitmöglichst vorzuführen. Candice Breitz aber ist mit ihrer ursprünglich titelgebenden Arbeit „Him + Her“ nicht rechtzeitig fertig geworden.

„Him“, eine 7-Kanal-Videoinstallation mit dem Hollywood-Schauspieler Jack Nicholson in 23 verschiedenen Rollen, hat es also zu guter Letzt in die Kunsthalle geschafft; an dem Pendant „Her“ mit Meryl Streep wird immer noch gearbeitet. Als Ersatz für sie ist die mit sechs Kinostars besetzte Installation „Father“ nun zu sehen, in der Dustin Hoffman, Harvey Keitel oder Steve Martin auf sechs Bildschirmen synchronisiert in Väterrollen agieren. Selten wurde die Verlogenheit des Hollywood-Kinos, die Erstarrung zum Klischee deutlicher vorgeführt, etwa wenn die sechs Männer mit Dackelblick ihren Kindern versichern „Ich habe Dich doch immer geliebt“.

Candice Breitz ist eine Meisterin des Found-footage-Balletts. Ihre Inszenierung von Jack Nicholson in zwei Dutzend Rollen aus über vierzig Jahren ist perfekt choreografiert in all ihren Doppelungen und Gegenüberstellungen. Permanent befragt der Schauspieler sich selbst – ob als Bösewicht, Verlierer oder Patient: „Bist du das?“ „Suchen Sie mich?“ Eine Antwort gibt es nicht. Seine multiple Identität bleibt ohne Kern. Bei diesen Erkundungen der Oberflächen der Kinowelt besteht die Gefahr jedoch auch für Candice Breitz selbst. Ihr Spiel mit dem Ausgangsmaterial Film, die Schnitttechnik, der Sound ist zwar hochartifiziell, aber mehr steckt dahinter nicht. Dafür ist es schön anzusehen, wie ein besserer Film.

Temporäre Kunsthalle, Schloßfreiheit 1, bis 28. 12.; tägl. 11-18 Uhr, Mo. bis 22 Uhr. Katalog 25 €.

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