Berliner Siegessäule : Obenauf und mittenmang

Nationalmonument nicht nur zu Silvester: Wer die Siegessäule besteigt, begegnet der deutschen Geschichte

Thomas Lackmann

Vergessener Ort auf dem Präsentier teller. Die verkehrsumsummte Insel liegt im Planeten Großer Stern. Kein unübersehbares Monument erscheint so allgegenwärtig, so unbekannt im Detail, und – wenn wir sein Granitfundament aus der Nähe betrachten – so weltkriegsversehrt (die Gedächtniskirche ausgenommen). Das Bauwerk in der Mitte des Kreisels besuchen fast nur Touristen. Als Skyline- oder Postkartenmotiv, aus der Distanz, ist die Siegessäule ein Mega-Schnörkel von Anno dazumal. Wer sie besichtigt, fliegt durch Jahrhunderte, Epochen; wer sie besteigt, passiert auf ihrer 285-Stufen-Wendeltreppe die kalligrafisch fixierte Gegenwart der Graffiti-Vermächtnisse. „Fuck die Europäische Union!“ Alle Wände neben den Schießschartenfenstern sind mehr als mannshoch mit Namen und Bekenntnissen bedeckt. „It is a kind of weakness to miss someone so much.“ Jede Stufe: ein Sieg über die Schwerkraft. „Alle herzlich willkommen in Tiflis.“ Jede Inschrift: ein Triumph über das Vergessenwerden.

Beim ersten Ausguck hängt der rosa Abendhimmel tief über den Wipfeln des Tiergartens. Als Orientierungsgestirne rundum sind auszumachen der grüne Würfel überm Potsdamer Platz, das Mercedes-Logo überm Europa-Center, das werberot verkleidete Charlottenburger Tor, der Turm der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Hansa-Viertel, der Fernsehturm. Beim höchsten Ausguck treten wir auf eine raubtierhoch vergitterte Galerie. Der Weihnachtsbaum vor Schloss Bellevue leuchtet präsidential. Vor dem blutroten Firmament komplettiert sich das Panorama: Gedächtniskirche, Funkturm, Hotel Esplanade, Reichstag und die bis zum Brandenburger Tor wie vom Planer Albert Speer persönlich freigeschaufelte Silvester-Party- Schneise. Wer es als Sightseeing-Paar bis zu diesem Höhepunkt samt Sonnenuntergang geschafft hat, muss einfach knutschen. Um das Ausgekotzte am Gitter machen wir instinktiv einen Bogen. Beim Blick himmelwärts könnte man der acht Meter großen Viktoria über uns, nach einer Heldin der „Gartenlaube“ genannt „Goldelse“, theoretisch unters Faltenkleid gucken. Berlin ist klein. Hier sind wir obenauf und mittenmang.

Das Denkmal zum Aufsteigen ist ein nationaler Überbau. Zum Unterbau gehören jene Tunnel unterm Kreisel, durch die man auf die Insel gelangt, hinab zum privat betriebenen „Museum in der Siegessäule“. Hier wird das chauvinistische Fanal in Modelleisenbahnanmutung komparatistisch entgiftet: eine „Kleine Geschichte zu Nationaldenkmälern in Europa und ein Rundgang durch europäische Städtewahrzeichen“. Das Entree zeigt auf Fotos die Vermarktung des Objekts als Eventkulisse für die Love-Parade oder für ein dolles Milleniumsfeuerwerk, das im Nebel verzischte. Die Kellerräume versammeln eine Kollektion von Imponierbauten – als Pappmodelle, Kupferstiche, Briefbeschwerer.

Das Hermannsdenkmal (erbaut von 1838 bis 1875) provoziert: weil seine Aussage, der Cherusker habe die Römer rechts des Rheins endgültig verjagt, sowohl durch neue Archäologenfunde widerlegt wird als auch durch die Dominanz italienischer Reisender im heutigen Berlin. Leipzigs Völkerschlachtdenkmal, Brandenburger Tor und Eiffelturm bleiben wegen Lichtausfall im Dunkeln. Der heroische Löwenhügel bei Waterloo ist einem an der Schulter verletzten Kronprinzen gewidmet – nicht den 53 000 Gefallenen der Schlacht. Arc de Triomphe, Invalidendom und Notre Dame sollen wohl jene französische Erregung beruhigen, die bald nach Errichtung der Siegessäulenheiligen den Schmähnamen „Würgeengel“ hervorbrachte. Akropolis, Petersdom, Pisas Turm und Colosseum demonstrieren, dass der „Schornstein“ (wie die Berliner das Monstrum benannten) sich in großer Gesellschaft befindet.

Gegründet worden war Berlins patriotischer Baumkuchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Karl Marx spottete, die deutsche Einheit komme so wenig voran wie die Fertigstellung des westfälischen Hermannsdenkmals. 1865 wird auf einem Exerzierfeld am Berliner Stadtrand ein Säulengrundstein gelegt, dessen Begleiturkunde den dänischen Krieg (1864) und „unseren erhabenen Verbündeten, den Kaiser von Österreich“, würdigt. 1869 beginnen die Bauarbeiten mit einer erweiterten Widmung, die den Deutschen Krieg (1866) einbezieht, bei dem Preußen den Österreichern deren territoriale Beute von 1864 wieder abgenommen hat. War in progress: Die dritte Widmungsurkunde kommt nach dem deutsch-französischen Krieg (1870/71) hinzu.

Die Säule am Königplatz, von Friedrich August Stüler, Friedrich Drake und schließlich von Johann Heinrich Strack entworfen, verliert durch Aufstockung ihre klassische Proportion. Vergoldete dänische, österreichische, französische Beutekanonen schmücken die Säulentrommeln. Eingeweiht wird das erste Nationaldenkmal des zweiten Reiches am Gedenktag der französischen Kapitulation, dem „Sedantag“ 1873. Der Reichstagsbau 1894 nahebei wertet den Standort politisch auf, gegenüber positioniert man 1901 und 1904 mit Statuen Bismarcks, Moltkes und von Roons die Herren der drei Kriegszüge. Hinzu kommt Kaisers „Siegesallee“, 32 Hohenzollern in Marmor, vom Volksmund „Marmarameer“ genannt. Nach 1918, mit Frankreichs Sieg und der Republik-Ausrufung, verfällt dieser imperiale Gedenkpark zum nostalgischen Zierrat.

Als Hitlers Architekt Speer den Reichstag samt Säule der raumgreifenden Welthauptstadt Germania opfern will, stoppt sein Chef das Vorhaben. Aber Schornstein samt Else müssen 1938/39 umziehen zum Großen Stern und stellen dort nur noch eine putzige historische Marke dar auf dem Weg zur 290 Meter hohen „Großen Halle“, die Germaniens wahres Format manifestieren soll. Der Durchmesser des Kreisverkehrs wird von 80 auf 200 Meter erweitert. Der Säule fügt man eine vierte Sechseinhalb-Meter-Trommel ein; ihre Erhöhung auf 70 Meter soll angeblich Berlins letzte Jungfrau vor dem Schürzenjäger Goebbels in Sicherheit bringen. Nach der Kapitulation können die Franzosen ihr Ansinnen, das Schandmal für 2,3 Millionen Reichsmark zu schleifen, nicht durchsetzen. Dafür lassen sie bis 1948 ihre Trikolore über der westwärts blickenden Siegesgöttin wehen – und verbringen kugeldurchfetzte Bronzereliefs, Sockeldarstellungen der Kriege von 1864 und 1870/71, nach Paris.

1987 kehrt diese Kriegsbeute zurück, wird authentisch ramponiert in die zerfurchte Granitmauer eingesetzt. Mit Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ macht die Goldelse Kinogeschichte. Im Golfkriegs-Januar 1990 scheitert eine „Rote Zelle“ bei dem Versuch, das Symbol für „Krieg und Männergewalt“ zu sprengen. 1991 misslingt der Antrag von PDS- und Grünen-Abgeordneten, einen Abriss durchzusetzen – als Trost für die Schleifung des Friedrichshainer Lenin-Denkmals. 2008 benutzt Kandidat Obama den Victoria-Set für seinen Auftritt in Europa.

Wer ganz oben ist, wird dort nicht ewig bleiben. Beim Abstieg springt uns eine Botschaft vom Juli 1998 entgegen: „Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen.“ Da verweist Graffiti-Poet Hajo melancholisch auf die erotische Konnotation. Der phallische Schornstein samt starker Madam markiert für Berlins Schwule einen beliebten Treffpunkt-Park, die „Siegessäule“ gibt einem Magazin der Szene den ironischen Titel. Ohne Ironie ist das martialischeThema nicht leicht zu kommunizieren. Deutsche gewinnen ja keine Kriege mehr, hoffen lieber auf Win-win-Situationen oder freundliche Übernahmen; nehmen sich für 2009 höchstens vor, ihren inneren Schweinehund zu besiegen.

285 Schritte abwärts. An der Unterseite einer Stufe das Graffiti „I ’ll see ya in the next life“. Doch wer absteigt, könnte im Prinzip wieder aufsteigen. Zwischendurch steht auf manchen Absätzen ein abgewetztes Metallbänkchen: zum Ausruhen.

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