Kultur : Berliner Sinfonie-Orchester: Neckisch

Isabel Herzfeld

Nicht nur Igor Strawinsky schrieb seine "Pulcinella"-Suite, 1920 eine Pioniertat des Neoklassizismus. 30 Jahre später, als dies schon längst den Avantgarde-Dogmen widersprach, wagte Luigi Dallapiccola Ähnliches: Seiner "Tartiniana" für Violine und Orchester liegen vier Sonaten des Barockmeisters Giuseppe Tartini zugrunde, deren glatte Moll-Klänge sich immer mehr kontrapunktisch verdichten und verschärfen. Vertrackte rhythmische Schichtungen entstehen dadurch, die das solistisch verkleinerte Berliner Sinfonie-Orchester unter Michael Schönwandt zuweilen ganz schön ins Schwitzen bringen. Doch wer wagt, gewinnt: Vor allem der große, ausdrucksstarke Ton des Solisten Michail Sekler sowie die schönen Farbmischungen von Bassklarinette, Fagott und Trompete zeichnen ansprechend den Umschlag spitzbübischer Plaudereien in tiefe Trauertöne nach.

Emotionaler und sinnlicher ist das als bei Strawinsky und entspricht damit genau Mozartscher Manier, auch im tändelnden Divertimento das Schwere im Leichten, das Leichte im Schweren aufzusuchen. Doch vor allem in der "Linzer"-Sinfonie mag sich das Orchester nicht ohne weiteres mit seinem früheren Chef abstimmen. Da knirscht so manches. Viel lockerer gelingt die "Posthorn"-Serenade, erstaunlich gewichtiges Abschiedswerk der Salzburger Zeit. Ein größerer Kontrast als das von Bratschenseufzern gespickte Andantino und die putzigen Auftritte von Piccoloflöte und dem wunderbar ungeschliffenen Naturhorn im Menuett ist kaum denkbar. Hier endlich sitzen die großen Melodiebögen und die neckischen Details, entfaltet sich eine Bläservirtuosität voller Esprit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben