Kultur : Berliner Sophiensäle: Aktionsradius eingeschränkt

Sandra Luzina

"Wodka Kola"? Da will man hin! Der Titel erinnert an selige Schülerzeiten, wo eine Annäherung an das andere Geschlecht ohne den beherzten Konsum dieses Mixgetränks nicht denkbar gewesen wäre. Und die Einstimmung auf diesen Abend hat denn auch tatsächlich den Charme einer Abifete.

Die Tanztage in den Sophiensälen gehen in die zweite Woche, und das Publikum war wieder in Scharen herbeigeströmt. Anne Retzlaff, Absolventin der Dresdner Palucca-Schule, war mit der Rockband Beedfack erschienen. Rocksängerin - das ist viel geiler als Choreografin, und so eröffnete die zarte Blondine das Programm mit einem Konzert, bei dem ihr dünnes Stimmchen noch am wenigsten störte. Das Gruppenstück "Wodka Kola" zeigt sieben Girlies zwischen Pose und Power. Sie kommen aus dem Zelt gekrochen, die Eiswürfel deuten an: Wir befinden uns in einem Trainingslager der Kälte. Wie Cybergirls und Punk-Ballerinen muten die Tänzerinnen an, zwischen Anpassung und rotzigem Aufbegehren schlingert das Stück, in der choreogaphischen Formulierung noch unausgegoren. So manche rebellische Attitüde wirkt nur zitiert und deshalb beliebig. Hart und zart, Elfen mit Furor: so manches Weiblichkeitsklischee wurde niedergewalzt, doch es bleibt unklar, wo diese Girls sich positionieren.

Der Abend hatte durchaus verheißungsvoll angefangen. Im kleineren Hochzeitssaal war zuvor die Produktion "Zellstoff" zu sehen, die im Spannungsfeld von Installation und Tanz angesiedelt ist. Die drei Performer in der drei mal drei mal drei Meter messenden gläsernen Box stehen unter extremer Beobachtung. Ein Experiment, eine künstlerische Antwort auf Big Brother und Container-Love: Wie reagieren Menschen, deren Aktionsradius aufs Äußerste eingeschränkt ist, die bei extremer physischer Nähe isoliert sind? Andreas Harder, HdK-Absolvent, gelingt eine Performance von atmosphärischer Dichte. Eine sparsame Geräuschkollage unterstreicht den assoziativen Charakter, verleiht dem Geschehen eine vage Militanz. Ob Partisanen oder Liebeskrieger - die Darsteller zeigen, wie die Gewalt sich in den Körper einschreibt, ihn verbiegt oder erstarren lässt. Videoprojektionen ergänzen das Geschehen, doch es ist die Live-Präsenz der Akteure, die gefangen nimmt. Andreas Harder agiert wie ein gefangenes Tier. Die umdüsterte Sigal Zouk verharrt zusammengesunken in einer Ecke, um ihre Mitspielerin dann rabiat zu attackieren. Ivana Jozi¿c kreist ihre Hüften wie in Trance, zupft sich wie unter Zwang das Blondhaar. Beklommenheit und Apathie entlädt sich in aggressiven Ausbrüchen. Die Akteure werfen und rammen sich gegen die Wände, laut hört man die Körper aufprallen, der schmerzliche Moment, wo sich ihre Energie am gläsernen Widerstand bricht, scheint herbeigesehnt zu werden. Manchmal wirken die Körper wie festgeklebt in einer irrwitzig verdrehten Position. Exponiert wird die eigene Veletztlichkeit und zugleich der rabiate Wille zur (Selbst-)

Verletzung.

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