Kultur : Berliner Spitzen

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Rainer Moritz hat ein

Erweckungserlebnis in der Paris-Bar

Neulich hatte ich ein literarisches Erlebnis. Nein, keine Erweckung oder eine Epiphanie, die mich dazu verleiten würde, ein beseeltes Gedicht oder einen Roman mit Erweckungs- und Epiphanieeinsprengseln zu verfassen. Mein Erlebnis war tiefer; es gab mir den Glauben an die Wirkungskraft der Literatur zurück. Der Ort dieser Begebenheit war die Paris-Bar in Berlins altem Westen.

Auf Nicht-Berliner übt der dieser rätselhaften Lokalität einen gewissen Reiz aus, und so zögerte ich nicht, der Einladung einer Literaturagentin auf eine „Coupe“ (so heißt da ein Glas Schampus) Folge zu leisten. Die Paris-Bar, dachte ich, ist der einzige Platz, der den Zeitgeistverlockungen von Mitte und Prenzlauer Berg zu trotzen vermag. Und ist das nicht jene Stätte, wo sich Politiker wie Gorbatschow, Schauspieler wie Hannelore Elsner oder Dichter wie Eckhart Nickel das Chablis-Glas in die Hand geben? Ja, sagte ich mir und erinnerte mich daran, dass das Restaurant sogar in einem Bildband gewürdigt worden war, mit schönen Bildern und nicht immer so schönen Texten. Dennoch hätte ich es an einem Donnerstag Abend gegen 23.40 Uhr bei allem Ruhm, den dieser Tempel des Entrecôte genießt, nicht für möglich gehalten, dass ich ausgerechnet hier den – so sagt man neuerdings – nachhaltigen Einfluss der Kunst erfahren dürfte.

Lassen Sie mich zur Sache kommen: Die erfahrene Agentin und ich wollten hinein, als meine Begleiterin zwei Persönlichkeiten wahrnahm, die an einem der Straßentische saßen und sogar mir bekannt waren: den Friseur Udo Walz und den Publizisten Franz Josef Wagner, der Übelmeinende an den vorzeitig gealterten Leadsänger der Gruppe „Smokie“ erinnert und neulich sogar die Kanzlersgattin geärgert hat. Die Agentin stellte mich den Herren als jenen Verlagsverantwortlichen vor, in dessen Haus Gerhard Meir und Christine Eichels Hinter-den-Kulissen-Roman „Der Salon“ erschienen war. Während Coiffeur Walz souverän artige Grüße an seinen Freund Gerhard ausrichten ließ, musterte mich Schreiber Wagner, den manche im „Salon“ als Romanfigur wiederzuerkennen geglaubt hatten, und beschied: „Ihnen sollte ich eine in die Fresse hauen.“

Man wird mein kurzes Stutzen verstehen. Doch wenige Augenblicke später jubilierte ich – sicherheitshalber nur innerlich –, da diese spontane Reaktion eines einfachen Lesers mir die Vitalität der Literatur endlich wieder vor Augen führte. Was quält man sich nicht im Laufe eines Jahres, um mit diesem oder jenem Werk Aufmerksamkeit zu erzielen, sei es im noblen Feuilleton oder in der kurzweiligen Talkshow! Und wie vergebens oft die Mühe, irgendeine Reaktion hervorzurufen! Unsere dumpfe Zeit, wie die Kulturkritiker auch in der Paris–Bar sagen, ist von emotionaler Armut geprägt, fast alle Bücher scheinen wie in Watte geschrieben.

Die Agentin und ich zogen es vor, die Honneurs zu beenden und uns ins Innere des Bistros zurückzuziehen. Dort ereignete sich nicht mehr viel. Ich sah Boris Becker, der sich mental auf seinen nächsten Daviscup-Einsatz vorbereitete. Und Wolfgang Joop, der nach eigenem Bekunden schon viele der Gäste „auf Damast-Servietten“ porträtiert hat und auf dem Weg zur berühmten Toilette des Hauses war. Und Luc Bondy, der, wie mir – Franz Josef Wagner sei Dank! – einfiel, neulich auf einem Verlagsempfang in Wien mit Karl-Markus Gauß aufs Heftigste aneinandergeraten war. Und Michael Glos, den CSU-Fraktionsvorsitzenden, der suchend umherblickte, weil ihn kaum jemand erkannte. Wir tranken eine zweite „Coupe“, und ich schloss mit allem Frieden.

Dann verließen wir das Lokal wieder, vorbei an Herrn Walz und Herrn Wagner, der neutral in sein leeres Glas starrte. Ich war darüber froh, ersparte es mir doch intensive Debatten über die Freiheit der Kunst, die Mechanismen eines Schlüsselromans und das In-die-Fresse-Hauen generell. Wagner war schon längst eine Stufe weiter, reflektierte über die Tattoos junger Schauspielerinnen und seinen Lebenswunsch, eine Schildkröte zu sein. Das zumindest vertraute er wenige Tage später seinen Lesern an.

Ich hingegen brach auf, um am nächsten Morgen mit Gerhard Meir und Christine Eichel über die Fortsetzung ihres „Salon“-Romans zu sprechen. So war das mit meinem literarischen Erlebnis in der Paris-Bar.

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