Berliner Staatsoper : Glücklich ist, wer’s vergisst

Die Berliner Staatsoper blamiert sich mit der „Fledermaus“ – nur Christine Schäfer wird mit Ovationen gefeiert.

Christine Lemke-Matwey

Ein Display mit Börsenkursen. Ein Müllcontainer mit der Aufschrift „Hypo“, in dem Geldscheine verbrannt werden. Eine Horde Punks, die zu den diversen polkanesken Tanzeinlagen des Abends in schlimmstmögliche Zuckungen verfallen (mit dem Prinzen Orlofsky als Ober-Punk). Und natürlich kommt das Abschiedssoupé für Eisenstein nicht mit Schweinskopf vom Beisl nebenan, sondern mit Reis statt Nudeln von Curry Kaiser. Johann Strauß’ „Fledermaus“, diese kaiserlich-königliche Operette im Gewand einer großen komischen Oper von 1874, als stümperhafte Kolportage. Alle Kudamm-Bühnen, Gripstheater und Studentenbretter dieser Welt würden sich dafür in Grund und Boden schämen.

Der eigentliche Skandal aber ist, dass die Verantwortlichen an der Staatsoper so etwas überhaupt passieren lassen. Offenbar fühlt sich hier niemand mehr recht verantwortlich. Der neue Intendant ist noch nicht da, der Generalmusikdirektor wandelt erneut auf Scala-Füßen („Carmen“ zur Inaugurazione am 7. Dezember), was soll’s. Ihren Tiefpunkt erreicht die Aufführung übrigens gleich im ersten Akt, wenn der Tenor Alfred seiner früheren Flamme Rosalinde, nunmehr Frau von Eisenstein, zu „Glücklich ist, wer vergisst“ eine Botox-Spritze an die Stirne setzt. Als hätte das Krisenjahr 2009 zum Vulkan, auf dem hier getanzt wird, tatsächlich nicht mehr zu sagen. Als glaubten wir allesamt an gar nichts, zuallerletzt an die Raffinesse und Klugheit der Musik.

Wenn im dritten Akt dann der Schauspieler Michael Maertens den Gefängnisdiener Frosch gibt und dies im schmierigen Prekariats-Outfit mit einiger Bravour tut, ist man längst viel zu deprimiert, um noch eine Miene zu verziehen. Die neue, vom Unglücksregisseur Christian Pade und seinem Dramaturgen Oliver Binder angefertigte Dialogfassung ist so peinlich, dass man sogar im Programmheft lieber das Original abdruckt, „Slibowitz“ inklusive. Geschenkt auch, dass der Frosch einen schwunghaften Handel mit DDR-Devotionalien treibt (darunter, hach, ein Unterhöschen von Margot Honecker) und rote Fahnen schwenkt. Ein paar Touristen oder Alteingesessene im Publikum finden das immerhin lustig.

Ansonsten ist die Stimmung miserabel, was man nicht zuletzt daran merkt, dass Christine Schäfer in der Rolle des Stubenmädels Adele für ihr Schlusscouplet „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ Ovationen abräumt. Schäfer absolviert ihr Operettendebüt nicht schlecht, mit hochgestecktem Blondhaar, dicker Brille und kesser Lippe erinnert sie an „Klimbim“ und Ingrid Steeger. Sängerisch indes bleibt sie heimatlos, im doppelten Sinne.

Schäfers zwar bewegungsfreudiger, aber eher kühler, rationaler Sopran bedient keine drallen Klischees, das wusste man vorher, und wer immer für die übrige Besetzung verantwortlich ist, den hat das nicht die Bohne interessiert.

Silvana Dussmann als trompetenhafte Rosalinde (immerhin stammt sie hörbar aus Österreich!), Martin Gantner als pflichtgeiler Eisenstein, die arme Stella Grigorian als Orlofsky, Stephan Rügamer (Alfred), Jochen Schmeckenbecher (Frank), Florian Hoffmann (Blind) sowie Roman Trekel, dessen Falke aus dem vorletzten Loch zu pfeifen scheint – wahlloser, charakterfreier lässt sich eine „Fledermaus“-Besetzung kaum zusammenschustern. Was für eine Blamage.

Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle scheint all das wenig zu bekümmern. Wer, wie er, Leander Haußmann in München dirigiert hat (der im Gegensatz zu Pade und seinem Ausstatter Alexander Lintl allerdings noch eine gewisse salon-anarchistische Energie an den Tag legte), den graust es so schnell vor nichts. Mit viel preußischem Zack seltsamerweise, laut und derb geht Mehta die Ouvertüre an, Temporückungen wie ausgefranste Gummibänder, alles erschreckend vordergründig, ja ordinär. Dass die Wahrheit bei Strauß im Unterschwelligen liegt und im Sezierbesteck, in der Präzision des „Duidu“, davon weiß Mehta nichts. Und so ziehen sie denn vorüber, die lieben alten Melodien, der Csardas, das Uhrenduett, „Brüderlein und Schwesterlein“ – herzlos, kopflos, gefühlsdumm.

Wieder am 25., 27. und 29.11. sowie am 1., 3. und 6. Dezember.

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