Berliner Staatsoper : Hinter den Linden

Nach dem Aus für Intendant Peter Mussbach dreht sich die Berliner Kulturwelt weiter. Die Zukunft der Staatsoper steht und fällt mit dem System Daniel Barenboim. Und sein Vertrag läuft noch bis 2012.

Christine Lemke-Matwey
Barenboim
Der Unanfechtbare. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, 65. -Foto: dpa

Am besten, man sagt es noch einmal laut und kräftig: Dass Peter Mussbachs Vertrag als Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden über den Sommer 2010 hinaus nicht verlängert wird, ist kein Drama, kein Skandal, kein Symptom und kein größerer kulturpolitischer Fauxpas. Dass Mussbach geht, gegen seinen Willen, hätte vom Timing her wohl geschickter eingefädelt und kommuniziert werden können. So weit, so wenig elegant. Der Rest aber ist der Lauf der Welt.

Die Opernstiftung als Dach der drei Berliner Opernhäuser jedenfalls wird von diesem Entschluss nicht tangiert. Ebenso mag die bevorstehende provisorische Quartiernahme der Lindenoper an der Bismarckstraße eine logistische, organisatorische und kreativ-spielplanerische Herausforderung darstellen: Gefährdet ist das Unternehmen nicht, nur weil der bis dahin amtierende Intendant nicht mehr selbst Hand an die Umzugskisten legt. Und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim schließlich dirigiert auch andere Inszenierungen, vielleicht sogar lieber. Von Mussbachs unlängst aus Mailand importiertem „Don Giovanni“ beispielsweise soll er gar nicht angetan gewesen sein.

Überhaupt darf man die Psychologie im Spiel nicht unterschätzen. Wie fühlt sich ein Peter Mussbach, der mal eben erfahren musste, dass Berlin ihm weder als Intendant noch als Regisseur größere Tränen nachweint? Vor allem: Wie viel Ehre, wie viel Verantwortung verspürt er im Leib, wird er sein zweijähriges „Gnadenbrot“ mit hundertprozentigem Einsatz für die Sache, also fürs Schicksal des Hauses über die eigene Ära hinaus fristen oder doch eher Dienst nach Vorschrift tun?

Der promovierte Jurist, Soziologe, Neurologe und Geisteswissenschaftler Mussbach ist ein fränkischer Feuerkopf, ein Vielredner und Nieschläfer, ein Mensch mit einem unerschöpflichen Interessens- und Energiepotenzial. Psychisch freilich gilt er als labil. Die Unerquicklichkeiten eines Umzugs, die ebenso viel Straffheit im Praktischen erfordern wie ein maßvolles Sichbescheiden im Künstlerischen, sie wären möglicherweise seine Sache ohnehin nicht gewesen. Und so mag man sich beruhigen: Der Fisch stinkt nie vom Kopf allein.

Eine Chance durch den Neubeginn

Das Unter den Linden entstehende Vakuum aber ist interessant, schließlich verlässt neben Mussbach auch der geschäftsführende Direktor Georg Vierthaler das Haus. Wer wird, wer soll die Doppellücke füllen? Wie viel Chance liegt in diesem Neubeginn, der sich wie von Zauberhand mit der so elend lange anhängigen baulichen Renovierung paart (die sich der Bund immerhin 230 Millionen Euro kosten lässt) – und wie viel Taktik?

Vierthaler, so hat es durch alle Stiftungsstürme der vergangenen Jahre hindurch immer geheißen, mache seine Sache gut. Ein unbeugsamer Rechner und Realist. Dass Barenboim auf ihn nun ebenso zu verzichten bereit ist wie auf den einst von ihm selbst geholten Mussbach, könnte auch bedeuten, dass er sich einen potenziellen Widersacher vom Hals schafft. Einen Mann, der von den generalmusikdirektorialen Plänen, was die Stärkung und Aufwertung der Staatskapelle als Konzertorchester angeht, vielleicht alles andere als begeistert ist. Weil die zehn Millionen Euro, die das Haus ab 2010 an zusätzlichen Subventionen erhält, auch an anderen Stellen dringend benötigt werden. Und weil Barenboim sich mit seiner Ex-Assistentin Vera von Hazebrouck ohnehin schon durchgesetzt hat: zwar nicht als Intendantin (wie ursprünglich vorgesehen), dafür aber als Managerin der Staatskapelle, immerhin.

Je länger man es auf sich wirken lässt, desto lächerlicher will einem die Lesart erscheinen, Vierthaler und Mussbach hätten wegen zweier divergierender Wirtschaftspläne synchron über die Klinge springen müssen. Dies mag der Anlass gewesen sein und das Fass in der Stiftungsratssitzung vom 12. März zum Überlaufen gebracht haben – die tieferen Gründe dürften woanders liegen. Das Haus funktioniert so sehr nach der Formel „Barenboim plus x“, dass es im Grunde egal ist, wer hier im Leitungsteam sitzt und nickt. Galt Georg Quander, Mussbachs Vorgänger, irgendwann als zu stoffelig und zu wenig vorzeigbar, so ist Peter Mussbach jetzt vielleicht einfach zu unberechenbar, zu verrückt oder zu ausgelaugt.

Ähnliches mag sich in der Karajan-Ära an der Wiener Staatsoper zugetragen haben, zu August Everdings Generalintendanten-Zeiten in München oder beim legendären Rudolf Bing an der Met. Starke Persönlichkeiten – Künstler, Dirigenten zumal – binden starke Kräfte und entfalten dafür ja auch Glanz und Glamour, Genie und Flair. Die Berliner Kulturpolitik mag genau dies wollen und hat ihren Willen nicht zuletzt unter Beweis gestellt, indem sie der Deutschen Oper eben jene Exklusivität verweigert und das Haus schleichend, still und leise zum zweiten Haus am Platz degradiert hat. Aber dieselbe Politik sollte sich auch bewusst sein, dass sie nicht souverän agiert, sondern Spielball ist in einem wenig zukunftsträchtigen, absolutistischen System.

Lindenoper ohne Barenboim? Undenkbar!

Bereits heute gilt: Die Lindenoper ohne Daniel Barenboim? Undenkbar! Der Mann ist – und das hat kein Mehta, kein Levine, kein Maazel je geschafft! – sein eigenes Label, eine Marke, ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Aber in gewisser Weise sitzt er eben auch unter seinem eigenen Damoklesschwert. Das gilt für die musikalischen Wurstigkeiten, die er sich gelegentlich leistet, ebenso wie für die Unanfechtbarkeit seines Wirkens. Barenboims jüdische Biografie, sein vielsprachiges Netzwerk von Wunderkindesbeinen an, sein wacher politischer Geist, sein Engagement für den Nachwuchs, all dies trägt zu jener Unanfechtbarkeit bei.

Prompt nimmt man den x-ten Wagner-Zyklus oder „Ring“, die nächste Doris Dörrie und das übernächste sündteure Architektenbühnenbild (Herzog/de Meurons „Tristan“) gelassen hin. Würde Barenboim sein Publikum als Musiker nicht auch immer wieder positiv überraschen, man könnte meinen, das konsequente und im Übrigen nahezu konkurrenzlose Hofiert- und Beklatschtwerden hätte längst auf seine Kunst zurückgeschlagen.Wer verlöre sich da auf Dauer nicht selbst auch mal aus den Augen, zweifelte an jeglichem Zweifel, büßte Selbstkritik ein und Orientierung.

Barenboims Vertrag endet 2012, also mitten in der Renovierungsphase. Es grenzte an politischen, künstlerischen und diplomatischen Irrwitz, ihn dann aufzukündigen. Das bedeutet: Man wird ihn, sagen wir, mindestens um weitere fünf Jahre verlängern. Abgesehen davon, dass die Staatskapelle ihn ohnehin bereits zum Chefdirigenten auf Lebenszeit bestellt hat, ist er dann 75 Jahre alt und insgesamt 25 Jahre im Amt. Ein verständiger geschäftsführender Direktor sollte bis dahin gefunden sein, das ist nicht so vertrackt.

Die Mussbach-Nachfolge indes hat es in sich. Suchen Klaus Wowereit und sein Staatssekretär André Schmitz lediglich einen Ausputzer und freundlichen Mohren für die dreieinhalbjährige Interimszeit, der seine Schuldigkeit getan hat, sobald der alte Knobelsdorffbau in frischem Glanz erstrahlt? Das wäre für die Moral, für Kontinuität und Hygiene schlecht. Ronny Adler, der neue Operndirektor, als kommissarischer Intendant? Ein Modell, das (in Gestalt von Heinz-Dieter Sense und Peter Sauerbaum) schon an der Deutschen Oper nicht richtig funktioniert hat. Die dem Repräsentativen weitaus stärker verpflichtete Staatsoper täte sich mit einer derart kleinen Lösung also schwer.

Bleiben die größeren Namen und üblichen Verdächtigen, von Alexander Pereira bis Pamela Rosenberg, von Andreas Mölich-Zebhauser über Peter Ruzicka bis Stéphane Lissner. Etliche sollen bereits dankend abgewinkt haben. Dabei ist es gar nicht so sehr die Frage, ob Künstlerintendant oder Manager (wie von André Schmitz hurtig vorgeschoben). Vielmehr fragt sich, welche mit internationalen Wassern gewaschene Führungspersönlichkeit bereit und fähig sein wird, sich in Barenboims Schlagschatten zu stellen. Dass es sich dort komfortabel leben lässt, ist vielleicht nicht der Anreiz, den man sich für die Zukunft des hohen Hauses wünscht. Aber verlockend ist es allemal.

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