Berliner Staatsoper : Hundert Tage Heiterkeit

Buletten statt Nockerln: Jürgen Flimms Start als Intendant der Berliner Staatsoper.

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Deeskalationsimprovisation. Staatsopernchef Jürgen Flimm auf der Bühne des frisch eröffneten Schillertheaters.
Deeskalationsimprovisation. Staatsopernchef Jürgen Flimm auf der Bühne des frisch eröffneten Schillertheaters.Foto: Davids/Darmer

Was muss ein guter Intendant eigentlich können? Für den lästigen Finanzkram hat er seinen Verwaltungsdirektor, für die musikalischen Fragen ist der Generalmusikdirektor zuständig. Die Programmhefte schreiben ihm die Dramaturgen voll, und um die Probenpläne kümmert sich das künstlerische Betriebsbüro.

Der Intendant, sofern er nicht selber inszeniert, braucht also einerseits ein Adressbüchlein, in dem die richtigen Handynummern der Künstler stehen. Und er sollte, andererseits, Gastgeberqualitäten haben, nach außen wie nach innen. Gerade in einer Stadt wie Berlin will das zwischen tausenderlei Verlockungen hin- und hergerissene Publikum allabendlich erneut vermittelt bekommen, dass es hier nicht nur als zahlendes Statistikmaterial erwünscht ist. Den Mitarbeitern des Hauses wiederum muss der Intendant das Gefühl geben, jederzeit für jeden ansprechbar zu sein: ein pater familias, der das Wohl der gesamten Sippe im Sinn hat.

So gesehen ist Jürgen Flimm eine Idealbesetzung für die Berliner Staatsoper. Der rechte Mann zur rechten Zeit an diesem unbehausten Haus, das mindestens für die kommenden drei Jahre im Charlottenburger Schillertheater spielen muss, weil das Stammhaus Unter den Linden generalsaniert wird. Jürgen Flimm ist der Prototyp eines heiteren, zuversichtlichen Menschen. 1941 in Gießen geboren, wuchs er in Köln auf, studierte dort und leitete von 1979 bis 85 das Schauspiel. Nächste Karrierestationen waren das Hamburger Thalia-Theater, die Ruhrtriennale und die Salzburger Festspiele. Flimm kann sich seine gute Laune leisten, er ist das Sonntagskind des deutschsprachigen Theaters. Dass sich seine ersten 100 Tage im Amt des Staatsopernintendanten just am 11.1.11 vollenden, wundert da keinen mehr.

Natürlich kann Jürgen Flimm auch anders. Als es am 26. September bei der Vorbesichtigung des renovierten Schillertheaters zu einem urberlinischen Bolle-reiste-jüngst-zu-Pfingsten-Gewühl kommt und sich eine Besucherin über die „beschissene Organisation“ erregt, verweist sie der Intendant in ähnlich radikaler Ausdrucksweise des Hauses. Wenige Minuten später allerdings legt er auf der Bühne eine unvergessliche Deeskalationsimprovisation hin, verwandelt den völlig überfüllten Saal von einem Hexenkessel zurück in einen Hort mitteleuropäischer Manieren.

Bei den Sängern muss er sich noch besser einarbeiten - aber sonst?

Bert Brecht kommt ihm gerade recht, wenn er sein berufliches Credo definieren soll: „Die Zuschauer werden keinen Spaß haben“, paraphrasiert Flimm den Dichter, „wenn sie nicht merken, dass auch auf der Bühne mit Spaß gearbeitet wird.“ Sein Büro ist das Epizentrum dieser Staatsopern-Spaßgesellschaft, auch weil es aus Platzmangel gleichzeitig als Sitzungssaal fungiert. Überhaupt wirken die Räumlichkeiten in der Ausweichspielstätte äußerst bescheiden. Flimms Assistentin sitzt in einem Legebatterie-Kämmerchen, selbst das Chefzimmer hat nur Hinterhofblick. Wer die Sonne im Herzen hat, braucht eben keinen Südwestbalkon.

So redselig sich Jürgen Flimm seinem Besuchern gegenüber gibt – wenn es um Daten, Zahlen, harte Fakten geht, um kulturpolitisches Schwarzbrot gar, kommt man schwer mit ihm ins Gespräch. Immer wenn es ernst werden soll, fällt dem viel gereisten, altgedienten Regisseur sofort eine hübsche Anekdote ein. Wie er jüngst mit Norman Foster durch das Haus streifte und der Architektur-Lord so berauscht war von den Details der Fifties-Architektur, dass er den Fotoapparat gar nicht mehr aus der Hand legte. Oder wie positiv die Besucher darauf reagieren, dass in den Foyers das Rauchen nicht „verboten“ ist, sondern – höflicher – „nicht erlaubt“. Und schon ist er wieder vom geraden gedanklichen Weg abgekommen.

Nach den bitteren Erfahrungen mit dem Salzburger Kleingeist fühlt sich Jürgen Flimm sichtlich wohl in Berlin. Und die Hauptstädter kommen gerne zu ihm. Bei stattlichen 83,8 Prozent liegt die durchschnittliche Auslastung seit dem 3. Oktober im Schillertheater.

Dass weder die Uraufführung „Metanoia“ noch das „Rheingold“ oder „The Rake’s Progress“ in der Presse gut weggekommen sind, hat die Neugier auf das neue alte Haus ganz offensichtlich nicht geschmälert. Und auch die vielen Foyer- Veranstaltungen zu jeder Tages- und Nachtzeit kommen gut an. Sogar das nachbarschaftliche Nebeneinander mit der Deutschen Oper funktioniert. Als Kirsten Harms bei der offiziellen Begrüßung den Mitte-Exilanten zusicherte, sie werde ihnen in allen Lebenslagen helfend zur Seite stehen, konnte man im live übertragenden RBB hören, wie Flimm „Das glaube ich nicht“ zu Daniel Barenboim sagte. Mittlerweile proben Staatsopernkünstler in der ehemaligen Werkstatt der Deutschen Oper. Lediglich was die Interessen und Perspektiven des eigenen Sängerensembles betrifft, gibt Flimm zu, muss er sich künftig noch besser einarbeiten.

Auf die Frage nach dem aktuellen Stand Unter den Linden zuckt der Intendant mit dem Achseln. So genau will er es lieber gar nicht wissen. Zu groß ist die Befürchtung vor bösen, bauverzögernden Überraschungen – auch wenn es immerhin ein Jahr Pufferzeit gibt, bevor dann die Komische Oper sanierungsbedingt ins Schillertheater ziehen soll. Allerdings, fällt ihm da ein, habe ihn doch neulich Christian Thielemann gebeten, einen Blick auf die Baustelle werfen zu dürfen: „Vielleicht gehe ich da mal mit.“

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