Berliner Staatsoper : Immer an der Wand lang

Daniel Barenboim und Peter Mussbach bescheren der Berliner Staatsoper einen neuen "Don Giovanni". Doch Mussbachs Inszenierungen enttäuschen zunehmend durch gedankenlose Routine und ästhetische Eindimensionalität.

Frederik Hanssen

Wer derzeit gefragt wird, warum die Bundesregierung dem Berliner Senat ausgerechnet für die Staatsoper eine Etaterhöhung um zehn Millionen Euro abgepresst hat, kommt in akute Erklärungsnöte. Sicher, Unter den Linden hat man das weltweit strahlende Aushängeschild Daniel Barenboim. Doch vergleicht man die Anzahl von künstlerischen Tops und Flops bei den Neuproduktionen der jüngeren Zeit, ragt die Staatsoper keineswegs über ihre innerstädtischen Konkurrenten hinaus. Der gewiefte Geschäftsführer Georg Vierthaler sorgt dafür, dass die Bilanzen stimmen, die neobarocke Innenausstattung zieht das Interesse der Touristen auf sich. Neben Barenboim aber gibt es nur im Konzertbereich große Dirigentennamen, die Opernarbeit lässt der Musikchef vor allem von seinen Assistenten erledigen.

Zur echten Hypothek aber entwickelt sich derzeit Peter Mussbach. Er mag als Intendant die Funktionsmechanismen der Mediendemokratie durchschauen, so dass er mit prominenten Regie-Quereinsteigern und Stars à la Anna Netrebko viel Aufmerksamkeit für sein Haus erregt.

Mussbachs Inszenierungen aber enttäuschen zunehmend durch gedankenlose Routine und ästhetische Eindimensionalität. In Spitzenhäusern wie der Staatsoper muss das Hauptaugenmerk des Intendanten darauf liegen, die großen Namen, die man hier erwartet, in spannenden Kombinationen zusammenzuführen. Der Regisseur Mussbach aber steht nibelungentreu zur Kostümbildnerin Andrea Schmidt-Futterer, einer Spezialistin für edel zugeschnittene Stoffe, die immer den Weg des geringsten Interpretationswiderstands geht. Ihre Lackleder-Pinguin-Kreationen für Mussbachs desaströse „Lustige Witwe“ sind noch ebenso in lebhafter Erinnerung wie die in Handarbeit gefertigten und dennoch schlecht sitzenden Anzüge für „Moses und Aron“. Im neuen „Don Giovanni“, einer Koproduktion mit der Mailänder Scala, die am Sonnabend ihre Berlin-Premiere erlebte, bietet Andrea Schmidt-Futterer im Finale des ersten Aktes allen Ernstes schwarze Hosenanzüge, Sonnenbrillen und Borsalinos für die Verschwörer Anna, Elvira und Ottavio an – eine derart abgegriffene Lösung, dass kein verantwortungsvoller Intendant diese Kostümentwürfe überhaupt die Planungsphase passieren lassen dürfte.

Mussbach aber lässt die Kostümbildnerin gewähren – weil auch er augenscheinlich keine Fragen an das Stück hat. Fassungslos muss der Besucher erleben, wie auf der Bühne der Staatsoper in pseudomoderner Optik konventionellste Arrangements absolviert werden, von Sängern, die zu keinem Zeitpunkt des Vier-Stunden-Abends an ihre Charaktere glauben. Fast denkt man wehmütig an die grauenhafte Vorgänger-Inszenierung aus dem Jahr 2000 zurück. Thomas Langhoffs „Don Giovanni“ mag plump und hilflos gewesen sein – doch sie war immerhin getragen von Interesse an den Gefühlen der handelnden Figuren. Mussbach dagegen inszeniert mit einer anima di bronzo, wie es über Giovanni im Libretto heißt, mit einer Seele aus Eisenerz.

Kein Blick, keine Geste, keine Bewegung ist hier glaubwürdig, erfühlt, von innen heraus entwickelt. Dafür wuselt beständig eine 15-köpfige Statistentruppe herum, die offenbar Kilometergeld bezahlt bekommt, während die Protagonisten nur eine Devise mit auf den Weg bekommen haben: immer an der Wand lang. Die beiden schwarzen Bühnenelemente, die die gesamte Ausstattung darstellen, glänzen bereits zur Premiere speckig, auf Hüfthöhe, dort wo sich die Solisten unentwegt entlangschubbern.

Mussbach fungiert hier zusätzlich als Bühnenbildner, doch im Gegensatz zu den „Persern“ im Deutschen Theater, wo ebenfalls mit einer fahrbaren Wand gearbeitet wird, entsteht hier keine architektonische Choreografie. Das diffuse Licht entwickelt keine magische Sogwirkung. Das graue Bühnengeviert bleibt ein atmosphäreloser Unort, der selbst dem Dirigenten aufs Gemüt zu schlagen scheint.

Die Ouvertüre gestaltet Daniel Barenboim schön und kalt, wenn auch ohne innere Anteilnahme. Doch sobald sich der Vorhang hebt, verfällt er in ein ungewohntes Kapellmeistertum, organisiert die Musik, statt sie zu interpretieren. Erst, als Elvira auftaucht, erwacht sein Widerspruchsgeist, gibt er Kostproben seines sonst so konsequent verteidigten, unzeitgemäßen Mozart-Ideals, wenn er das Wüten der Verlassenen auf ein barockes Lamentieren herunterdrosselt. Damit allerdings zieht er Annette Dasch den Boden unter den Füßen weg: Wer die Sopranistin in der Salzburger Haydn-„Armida“ erleben durfte, weiß, welch vulkanisches Temperament sie entfalten kann. Hier dagegen scheint sie blass und ohne Aura.

Alle anderen Protagonisten haben schon in der alten „Giovanni“-Produktion gesungen, zumeist unter Barenboim, sind geschätzte Künstler und agieren doch wie im Musiktheatermuseum: der charmante Hanno Müller-Brachmann als Leporello mit quietschenden Turnschuhen, die zerbrechliche Zerlina der Sylvia Schwartz, der fein phrasierende Pavol Breslik als Florian-Silbereisen-Lookalike, Anna Samuils solide Donna Anna. René Pape schließlich, der Weltstar aus dem Staatsopernensemble und stimmlich wie optisch ein idealer Titelheld, kann sich mit seinem Dirigenten nicht einmal auf die Tempi einigen und rattert die Partie wie eine lästige Pflichtaufgabe herunter.

Noch renovierungsbedürftiger als das historische Gebäude, das macht dieser Abend deutlich, ist Unter den Linden offensichtlich das ästhetische Bewusstsein. Die Gelegenheit ist günstig: In den kommenden Monaten muss die Politik über eine Vertragsverlängerung von Peter Mussbach entscheiden.

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