Berliner Stadtchronist Karl Scheffler : Man steigt nie zweimal in dieselbe Spree

Vor siebzig Jahren erschienen erstmals die Memoiren des Berliner Stadtchronisten Karl Scheffler.

Hannes Schwenger
Alexanderplatz um 1905.
Alexanderplatz um 1905.Foto: dpa/Wikimedia

Manchmal genügt ein einziger Satz, um ein Buch zum Klassiker zu machen. So ein Satz – oder vielmehr Halbsatz – war das Wort des Kunstkritikers und Stadthistorikers Karl Scheffler, es sei das Schicksal Berlins, „immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Das zitiert sich, obwohl bei seiner Niederschrift 1910 auf die Reichshauptstadt Kaiser Wilhelms II. gemünzt, noch immer scheinbar passend im neuesten Berlin. Kein Wunder, dass der Suhrkamp Verlag für „Berlin ein Stadtschicksal“ im vergangenen Jahr die Zeit für eine Neuauflage gekommen sah. Aber war Schefflers Diktum auch so gemeint?

Florian Illies, der Herausgeber des Neudrucks, besteht mit Recht darauf, Schefflers geflügeltes Wort vollständig zu zitieren: Es sei die „Tragik des Schicksals“, die „das aus einer wendischen Fischersiedelung zur mächtigen Millionenstadt und Reichshauptstadt emporgewachsene Berlin dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein.“

Illies deutet den Satz durchaus im Sinn des Autors und der klassischen griechischen Tragödie so, „dass das Leiden dieser Stadt die Bedingung ihrer Existenz ist.“ Gemeint ist ihre Existenz als „seelenlose“ (Scheffler) Kolonialstadt der Zugewanderten und Flüchtlinge – sei es aus dem Osten oder aus dem Westen Europas wie Slawen, Juden und Hugenotten (heute Türken, Syrer und Griechen), die als „Hauptstadt Ostelbiens“ nie zu sich selbst finden konnte. Scheffler habe „als Erster filigran herausgearbeitet, warum es für Berlin kein Entkommen aus seinem Fatum geben kann.“ Deshalb sei der Titelzusatz „Ein Stadtschicksal“ auch „mehr als feuilletonistische Bombastik oder Bedeutungshuberei“.

Der ewig-gestrige Gegensatz von Kultur und Zivilisation

Merkwürdig nur, dass sein Autor selbst ihn in der zweiten, überarbeiteten Ausgabe von 1931 durch den neuen Untertitel „Wandlungen einer Stadt“ ersetzt und das Buch so überarbeitet hat, dass Kurt Tucholsky als Rezensent darüber „rasch hinweggleiten“ wollte. Übrig geblieben sei ein Buch über Architektur und Museen der Stadt, „nirgendwo aber wirken diese Dinge so aufgeklebt wie in Berlin. Ich habe nie verstanden, dass es von Wichtigkeit sein kann zu untersuchen, wieviel Cézannes dieses Museum hat und wie wenig Liebermänner jenes. Das Schefflersche Buch wirkt unendlich vorgestrig, was der Autor keineswegs ist.“

Die kollegiale Verbeugung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kurt Tucholsky die kulturkritische Fixierung Schefflers auf das Berlin der Kaiserzeit und sein borniertes Beharren auf der Kunst des Impressionismus nicht entgangen war.

Sie ist und bleibt auch aus heutiger Sicht die Hauptschwäche des – in einem zwiespältigen Sinn – geistvollen Buches, dessen eigener Geist auf den ewig-gestrigen Gegensatz von Kultur und Zivilisation gründet und Berlin deshalb zur „amerikanisierten“ und „seelenlosen Stadt“ erklärt, in der „die Blüte edelster Kultur nicht emporzusprießen vermag“.

Hitler Parolen gegen die "Entartung" der modernen Kunst wurde auch von den Zeitgenossen geteilt

Nie könne Berlin die „geistige Reichshauptstadt“ werden, ihr fehle „das konservative Grundelement, das einer lebendigen Liebe zur Stadt zur Basis werden könnte“. Daher Schefflers Unverständnis für die Kunst des Expressionismus, das ihn, im sogenannten Berliner Museumsstreit, in eine Dauerfehde mit Ludwig Justi verwickelte, und eine falsche Vorhersage nach sich zog. Berlin, glaubte er, könne „niemals weder große Literatur noch den Haupt- und Großstadtroman hervorbringen.“

Eine These, an der er so starrsinnig festhielt, dass selbst in seinen späten, vor siebzig Jahren 1946 erschienenen Memoiren unter dem Titel „Die fetten und die mageren Jahre“ weder Döblins „Berlin Alexanderplatz“ noch Benn oder Brecht Erwähnung finden. Schon in „Berlin ein Stadtschicksal“ mäkelte er, auch Fontane sei nur „ein zum Romancier gewordener Feuilletonist, nicht ein Dichter der Hauptstadt“ gewesen.

Man muss Schefflers im Schweizer Nimbus Verlag neu aufgelegte Memoiren auch deshalb lesen, um zu verstehen, warum ein unkritischer Neudruck des Berlin-Buchs ohne seinen historischen und persönlichen Kontext zu seiner falschen Kanonisierung führt. Scheffler wiederholt in seinem Lebensrückblick nicht nur seine lebenslange Furcht vor Deutschlands „Unterwerfung unter fremde Zivilisationsformen“, sondern bezichtigt den verhassten „sogenannten Expressionismus“ der Mitschuld am Aufkommen des Nationalsozialismus, weil dieser den „Anstoß zu einer rücksichtslosen Reaktion gegeben habe“. Scheffler versteigt sich sogar zu einem gewissen Verständnis von Hitlers Parolen gegen die „Entartung“ der modernen Kunst: „An sich war die Abneigung nicht unverständlich, bessere Zeitgenossen haben sie geteilt.“

Scheffler glaubte, Berlin werde irgendwann seinen Großstadtstil finden

Auch er selbst? In der Kunst der Weimarer Jahre, klagt er noch 1946, „steigerten verzweifelte Talente im sogenannten Expressionismus die Formen und Sinnbilder bis zum Wahnsinn“, sodass viele „unrettbar einem ,Ismus’ verfielen“. Nicht nur ihre Vorläufer van Gogh und Munch seien „Grenztalente, die aus Randgebieten stammten“, sondern auch die Exponenten anderer moderner „Ismen“ wie Chagall und Kandinsky. Picasso gar „kam aus Spanien und aus einer jüdischen Umwelt“. Dennoch versichert Scheffler, kein Antisemit zu sein, nur habe er seine Kritik an Hitlers Judenfeindschaft im „Dritten Reich“ nicht publizieren können. Immerhin fünf Bücher von ihm konnten ungehindert in Deutschland erscheinen.

Und doch: Bei allem Antimodernismus und Kulturpessimismus Schefflers fehlt es selbst in „Berlin ein Stadtschicksal“ nicht an einer fernen Ahnung, dass Berlin auch einmal zu einem eigenen Großstadtstil finden könnte, um „das alte Kulturgewissen Europas zu bewahren und doch auch den Wirklichkeitssinn Amerikas zu haben und als könne es gerade aus seiner besonderen Destination Vorteile ziehen, wie keine andere Stadt der alten oder der neuen Welt.“ Aber das sei Utopie, wenn auch für die Stadt charakteristisch, „dass man, in der Betrachtung Berlins versunken, auf sie verfällt.“ Das gilt wohl noch immer.

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