Berliner Stadtschloss : Schlüssel zur Welt

Der Plan für das Humboldt-Forum in Berlins Mitte ist gut - aber nicht groß genug. Ein Plädoyer für mehr Schloss-Freiheit.

Rüdiger Schaper

BerlinEin großes Haus braucht eine große Idee. Aber wie ist das mit einem Schloss? Ein Schloss ist nicht einfach nur ein großes Haus, sondern ein Bauwerk mit gewaltiger Raumverdrängung, heftigen Anziehungs- und Abstoßungskräften. Eben darin liegt – oder lag, in vordemokratischer Zeit – die Idee eines Schlosses: majestätische Ausformung, feudaler Machtanspruch in Stein und Kunst.

Franz Kafkas Buch vom „Schloss“ hat diese Vorstellung des alles überragenden Zentralmonuments ins Absurd-Metaphysische gehoben. Der Landvermesser K. verzweifelt bei dem Versuch, sich dem seltsamen Bau zu nähern. Kafkas Romanmanuskript blieb übrigens unvollendet.

Eine ähnlich paradoxe Geschichte spielt sich in der deutschen Hauptstadt ab. Da wird in ihrer Mitte ein Schloss gebaut oder teilweise rekonstruiert, so genau weiß das keiner. Viele Landvermesser sind unterwegs. Jedenfalls soll etwas aufgeführt werden, das in Ausmaß und äußerer Erscheinung an das alte, von den DDR-Behörden gesprengte Stadtschloss der Hohenzollern erinnert. Eine städtebauliche Lücke soll geschlossen werden. Als das Schloss noch ein richtiges Schloss war, so sagen Fachleute, gab es all den anderen großen Bauten in seinem Dunstkreis Halt. So könnte es dereinst wieder sein. Eine oberflächliche Betrachtungsweise, wenn der Bau selbst nicht mit sich eins ist, keine exemplarische Bestimmung findet, an diesem kostbaren Platz.

Der Architektenwettbewerb für das Humboldt-Forum, so heißt jetzt das Jahrhundertprojekt, befindet sich in der ersten Phase, er soll im Herbst entschieden sein. Wenn nicht etwas Unvorhergesehenes geschieht, dann kommen die barocken Fassaden wieder. Es gibt Schlimmeres. Aber auch Schöneres, wenn man sich die atmende, mit dem Sonnenlicht spielende, arabeske Außenhaut von Jean Nouvels Institut du Monde Arabe in Paris vor Augen hält. Innen ist außen, und außen ist innen: ein organisches Phänomen.

An der Berliner Fassaden-Debatte verwundert bis jetzt, wie starr die Verfechter des Alten argumentieren. Als hinge von ein paar Säulen das Ansehen der Hauptstadt ab. Nun geht es um das Entscheidende: das Innenleben. Um die große Idee des 500-Millionen-Euro-Bauwerks. Aber ist sie das – mitreißend, unwiderstehlich? Setzt sich Angela Merkel oder Klaus Wowereit vehement dafür ein?

Der Name Humboldt-Forum hat in Berlin bislang keinen großen Enthusiasmus ausgelöst. Die Sache wirkt auch noch zu abstrakt. Und eine neue Gefahr taucht auf: dass die alte Schlossdebatte, nach innen gewendet, wiederkehrt und etwas Museales oder Halb-Museales entsteht; die Versuchung ist in der Nachbarschaft der Museumsinsel nicht gering. Schon gibt es Überlegungen, die Gemäldegalerie vom ungeliebten Kulturforum ins Humboldt-Forum zu verlegen und dafür doch die historischen Innenräume wiederzugewinnen. Dann aber braucht man diesen Namen nicht: Humboldt. Er würde in dem Fall nur Schloss-Camouflage sein.

Es war am Anfang eine salvatorische Erfindung. Klaus-Dieter Lehmann, der letzten Freitag nach neun erfolgreichen Jahren verabschiedete Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat die Idee vom Humboldt-Forum in die Welt gesetzt – als Ort für die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung (derzeit in Dahlem), für die Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität und eine Dependance der Berliner Landes- und Zentralbibliothek. So ein zentraler Platz fehlt in Berlin. Museum und Agora. Dies hat den Humboldt-Schloss-Neubau vor geistiger Leere und bloßer Fassadenhuberei bewahrt und Schlossgegner wie -freunde halbwegs versöhnt, vorerst.

Auch Lehmanns Nachfolger Hermann Parzinger, der heute seinen ersten Arbeitstag in der Preußenstiftung hat, verfolgt diesen Plan. Er stellt sich für das Humboldt-Forum eine Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt vor, doch das kann nur ein Anfang sein. Das HKW korrespondiert mit dem Goethe-Institut, dessen Präsident nun Klaus-Dieter Lehmann wird. So scheint sich fast alles zu fügen. In Humboldt steckt nicht wenig Goethe. Auswärtige Kulturarbeit lässt sich ohnehin nicht mehr so scharf von Kultur im Inland trennen, zumal in Berlin.

Hier öffnet sich der Weg. Warum nicht das Haus der Kulturen der Welt mit dem Humboldt-Forum vereinigen und aus der Kongresshalle in die Mitte der Hauptstadt holen! Dazu müsste man das HKW selbstverständlich sehr viel großzügiger ausstatten und zuschneiden, als es jetzt der Fall ist. Im Programmauftrag des HKW findet sich genau das, was dem Humboldt-Forum pulsierendes Leben einhauchen kann. Dort gibt es die vielfältigsten Veranstaltungen und Projekte des diskursiven Kulturverständnisses, und es ist kein Zufall, dass das HKW in der Zeit der Wende gegründet wurde, Ende der Achtziger, als in Berlin auch die Schloss-Debatte begann. Jetzt wäre die einmalige Chance gegeben, diese beiden Gedanken zusammenzuführen – Abschied vom provinziell-preußischen Gestus im Guten.

Und warum nicht auf die Kompromisslösung mit Landesbibliothek und Humboldt-Sammlungen verzichten? Der Platz reicht ohnehin nicht für alles, und die Humboldt-Idee greift im gegenwärtigen Stadium noch zu kurz. Sie ist noch nicht groß genug, um dem Schloss-Nachfolger einen Schlüssel zu geben, wenn man in globalen Dimensionen denkt. Letzten Endes wäre auch die Zentrale des Goethe-Instituts im Humboldt-Forum vorstellbar.

Der Griff nach den außereuropäischen Sammlungen weist schon in die richtige Richtung. Man kommt dabei aber nicht umhin, nach Paris zu schauen, wo im Juni 2006 das Musée du Quai Branly eröffnete, wiederum vom Architekten Jean Nouvel. Am Quai Branly, in dem gewundenen, auf Säulen stehenden, brückenartigen Körper breiten sich magische Welten aus. Kulturobjekte aus Ozeanien, Asien, Afrika, Nordamerika. Das Musée du Quai Branly ist das jüngste der kulturellen Grands Projets französischer Staatspräsidenten. Es hat eine wahrhaft großartige Idee. Es ist kein ethnographisches Museum mit postkolonialer Perspektive, sondern Schatzkammer einer anderen Kunst, die man früher als „primitiv“ bezeichnet hat. „Die Meisterwerke der Welt sind frei und gleich geboren“: Der Satz des berühmten Sammlers Jacques Kerchache schlägt sich in der Architektur nieder, innen wie außen. Am Quai Branly beim Eiffelturm findet man ein einmaliges Panorama außereuropäischer Kulturen – dafür und deswegen wurde der Riesentanker ans Seine-Ufer gesetzt, in einen zauberischen Garten.

Berlin könnte für sein Forum die Idee der temporären Kunsthalle weiterführen. Sie soll im Herbst auf dem Schlossplatz eröffnen und ein erregendes Element im Stadtbild sein. Mit wechselnden Ausstellungen und wechselnden Fassaden. Aber da ist beim Humboldt-Schloss nachher wieder die Barockfassade vor. Und welcher von den Humboldt-Brüdern wird sich in diesem Forum durchsetzen: Wilhelm, der Bildungsreformer, Universitätsgründer, Staatsmann oder Alexander, der Weltreisende, Naturforscher, das abenteuerliche Universalgenie? Der Eindruck überwiegt, dass etwas bloß Ordentliches herauskommt. Am Ende wohl mehr Wilhelm als Alexander.

Die Humboldts, Alexander zumal, waren Köpfe, die in ihrer Zeit Neues dachten und vollbrachten. Wenn im Humboldt-Forum Dynamik steckt, wenn man etwas schaffen will, das in die Zukunft weist, dann darf die Idee nicht in Memorabilien ersticken. Es braucht eine leichte Hand, eine überschießende Energie – so wie Daniel Kehlmann in seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ den verrückten Weltreisenden, den Risikomenschen Alexander von Humboldt gezeichnet hat. Wer sind die Humboldts heute, was würden sie tun im 21. Jahrhundert, mit den Möglichkeiten unserer Zeit?

Alexander von Humboldts „universale Idee war der Gedanke des ,Kosmos’, der holistischen Beschreibung der Erde als einer in allen ihren mannigfaltigen Strukturen und Funktionen wie ein lebendiger Organismus zusammenwirkenden Natur“, schreibt sein Biograf Adolf Meyer-Abich. Die Erde als „Kosmos, der in den großen astronomischen Makrokosmos genauso eingeklinkt ist, wie es der Mensch und alle Lebewesen als Mikrokosmen in den Kosmos der Erde sind.“

Damals Utopie, inzwischen globale Realität. In der Berliner Singakademie hielt Humboldt seine legendären „Kosmos“-Vorträge: zugleich populäre Veranstaltungen und Höhepunkt des geistig-intellektuellen Lebens im Berlin der Jahre 1827/28. Alexander von Humboldt hat die Stadt als eng und dunkel empfunden. Staatsämter und andere offiziöse Bindungen waren ihm zuwider, da dachte er einmal sogar ans Auswandern.

Berlin 2008 ist anders, weltoffen,risikobereit. Das zeigt sich bei der Berlinale oder bei flexiblen Institutionen wie dem Hebbel am Ufer. Berlin kann aber auch sehr träge sein, sich selbst genug. Das Humboldt-Forum muss die Stadt von 2020, 2050 vorausdenken. Darum geht’s.

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