Kultur : Berliner Stükke-Theater: Rachefurien auf Reisen - "Die Morde der jüdischen Fürstin"

Sandra Luzina

Menschen im Transit. Sie kommen aus allen Himmelrichtungen, zerstreuen sich wieder in alle Winde. Treffen sich zu schnellem Sex in den Waschräumen. Wir sind Passagiere in einer globalisierten Welt, bedeutet uns Armando Llamas. Der in Frankreich lebende Dramatiker lässt die Szenen-Montage mit dem bewusst irreführenden Titel "Die Morde der jüdischen Fürstin" in der Wartehalle eines Flughafens beginnen. Seine Reisenden verschlägt es nach Paris, London oder Budapest. Oder Karachi. Sie sprechen ein gebrochenes Airport-Englisch oder aber Urdu. Beim Stükke-Theater stand Llamas polyphones Panorama schon lange auf der Wunschliste. Nun hat Donald Berkenhoff mit 11 Schauspielern eine Kurzversion inszeniert - der Alien musste dran glauben.

Alle Szenen spielen in einem weiß ausgeschlagenen Raum spielen. Überall das Gleiche, nur Streit und Langeweile. Ihre Frustrationen schleppen die mit an jeden Ort. Sie laufen vor ihrer Vergangenheit davon wie Jacques, der von Raoul verlassen wurde. Suchen das Glück, auf das sie nicht vorbereitet sind - wie Barbara. Und möchten sich lieber nicht selbst begegnen. Der Zufall führt meist Regie bei den flüchtigen Bekanntschaften. Doch die trennenden Kräfte sind unaufhaltsam am Werk. Der Autor reist mit theoretischem Gepäck. Llamas ist der Philosoph, der sich als Komödienschreiber kostümiert. Und noch einmal die großen Fragen stellt: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Biblisches, Mythisches, Triviales wird zusammengeschnitten. Llamas wechselt Ton, Tempo und Stimmung, manchmal hart an der Grenze des Beliebigen. Berkenhoff, Experte für anschwellende Hysterien, zeigt den dahingeplauderten Irrwitz, Gefühlsexplosionen von opernhafter Künstlichkeit. Und die jüdischen Fürstinnen? Eine schrille Schwesternschaft, die unter der roten oder grünen Kunsthaar-Perücke nichts Gutes ausbrütet. Sie schwören der Liebe ab. Und tauchen an jedem Ort der Welt auf, um ihr Regime der Kälte zu errichten. Es ist hervorragend gespielt, dieses moderne Rachefurien-Kollektiv. Llamas wirft einen kaltblütigen und zugleich erschrockenen Blick auf die Welt. Er nimmt die Verluste in Augenschein. Kommt zu der Erkenntnis, das die Menschen bestraft sind durch ihr "grausames Gedächtnis". Sie können nicht vergessen - das ist ihr Fluch. Die philosphisch unterfütterten Monologe beweisen Mut zum Pathos, rhetorische Eleganz. Doch Llamas bürdet seinem Stück ein Zuviel an Erklärung auf. Der alltägliche Rassismus taugt nur zur matten Kabarett-Nummer. Berkenhoff schafft es, das Tragische und Komische meist in der Schwebe zu halten, Intellektualität und lächerliche Trivialität zu equilibieren. Den Schauspielern gelingen teilweise prägnante Charakterskizzen, amüsante Momentaufnahmen. Trotz einiger Durchhänger ein unterhaltsamer und nachdenklicher Abend.

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