Kultur : Berliner Szenen

Ein Buch mit Künstlerporträts von Ricardo von Brasch

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Beobachtet. Carsten Nicolai, fotografiert von Ricardo von Brasch. Foto: Prestel

Als „Petersilie auf der Suppe“ sieht der Künstler Harald Metzkes sich und seine Kollegen bei den unvermeidlichen Vernissagen oder „dem Essen danach“. Echte Gespräche? Sind an solchen Abenden kaum möglich, obwohl sich Ricardo von Brasch gern mit ihm unterhalten hätte. Auch nach der Eröffnung lässt sich der Austausch so gut wie nie nachholen: Der Galeriebesucher streift schweigend und allein durch Räume voll Kunst, die gekauft werden will. Und die ihm noch viel mehr vermitteln könnte, wenn von Brasch ein Gesicht dazu hätte.

Das sieht nicht jeder so, ein Analytiker aber darf das. „Für mich ist der Künstler von seiner Arbeit nicht zu trennen“, meint von Brasch, der über drei Jahrzehnte depressiven Charakteren ins Innerste geschaut hat. Nun bittet der Therapeut, der vor Jahren seinen Hauptberuf aufgab, selbst um Termine, schultert die Kamera, nimmt die Stufen der Berliner Altbauten und Fabriketagen und besucht Künstler in ihren Ateliers. Am Ende des Dialogs steht ein Porträt in Schwarz-Weiß. Eine Selbst-Therapie? „Immerhin ist der Fotograf nach einer Begegnung reicher als der Psychotherapeut“, bilanziert von Brasch.

160 exemplarische Bilder sind nun in dem Buch „Künstler treffen in Berlin“ versammelt, und die meisten blicken einen ernst und fragend an: Was erkennt dieser Mann in mir? Und wo, bitte schön, ist meine Arbeit, hinter der ich verschwinden kann? Rebecca Horn oder Sebastian Schmidt, Roman Lipski und Birgit Brenner machen sich zu einem Teil ihres Werks. Andere wie Antje Majewski oder Amelie von Wulffen schauen einen aus seltsam erhöhtem Standort an – was an der alten Hasselblad des Fotografen und ihren Tücken liegt: „Um hineinzuschauen, muss man sich verbeugen“, meint von Brasch.

So ist auch sein Buch. Eine Verbeugung vor den Persönlichkeiten, die er getroffen hat. Seine Fotos bieten die Bühne, auf der jeder sein Stück spielt, ohne dass von Brasch den Regisseur macht. Oder doch? Wenn man den alten Bernhard Heisig unter einer mächtigen Standuhr sitzen oder Michael Verhas mit bloßer Brust vor einem schimmernden Bronzekörper stehen sieht, offenbaren solche Selbstinzenierungen, was von Brasch im Gespräch erfahren oder sich als sensibler Gedankenleser erschlossen hat. cmx

Ricardo von Brasch, Künstler treffen in Berlin, Prestel Verlag, 192 S., 39,95 €

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