Berliner Tanztage : Gehüpft wie gesprungen

Zum Auftakt der Berliner Tanztage: die neue Lust an der unverkopften Bewegung.

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Ein Sprung ins Unbekannte. Die Tanztage Berlin sind das erste unter all den unzähligen Berliner Festivals – und zugleich eins der aufregendsten. Seit den Anfängen vor 19 Jahren versprechen sie immer wieder, unbekannte Talente entdecken zu können: Kein anderes Festival zeigt so ausführlich, was gerade im jungen Tanz passiert. Aus über 100 Bewerbungen hat der künstlerische Leiter Peter Pleyer 20 Produktionen, zumeist Uraufführungen ausgewählt. Ein gutes Händchen bewies Pleyer zumindest bei der Eröffnung, die sich diesmal als reine Frauenbewegung präsentierte. Die Schwedin Stina Nyberg nimmt in „A White Rhythm Section“ den Sprung unter die Lupe. Rosalind Goldberg im Tiger-Print, Sandra Lomax im Leoparden-Muster rühren sich zunächst nicht vom Fleck. Sie holen tief Luft, gehen in die Knie, scheinen die Aktion erstmal mental durchzuspielen. So konzentriert wie Skispringer vor dem Start wirken sie – doch nichts passiert.

Mit der Unmöglichkeit, mal kurz abzuheben, geht der gesteigerte Wunsch zu springen einher. Hier kann man einen Lernprozess verfolgen, der in seinem trotzigen Beharren durchaus etwas Komisches hat. Goldberg gelingt dann der Absprung – dieser erste Satz ist beileibe kein Tigersprung, sondern allenfalls Hopser. Doch der Bann scheint gebrochen, Goldberg wagt immer kessere Sprünge – wie unbändig diese Lust am Springen doch ist!

Dieser kurze Moment des Losgelöstseins, wo man der Schwerkraft ein Schnippchen schlägt, hat etwas Rauschhaftes. Auch weil die ermüdende Logik des linearen Fortschreitens mal kurz unterbrochen wird. Die Sprung-Variationen in „A White Rhythm Section“ sind verblüffend. Dabei versuchen die Tänzerinnen noch nicht einmal, durch besonders spektakuläres Ballett zu beeindrucken. Sie zeigen übermütige Bocksprünge, hakenschlagende Hasensprünge, rasanten Galopp, scharfe Scherensprünge, nicht zu vergessen den drolligen Schotten-Hopser. Alles, was Beine hat, will springen!

Stina Nyberg geht es nicht allein um die körperliche Aktion, sondern auch um die mit Sprüngen verknüpften Assoziationen. Fröhlich hüpfen die elektronischen Beats – und bald stellt sich eine unverschämte Leichtigkeit ein. Doch die Choreografin unterstreicht zugleich, dass der Mensch im Element Luft nicht zu Hause ist. Sie katapultiert die Tänzerinnen in ungemütliche Positionen, wo sie ganz der Schwerkraft ausgeliefert sind. Der Mensch wehrt sich, strebt zum Höheren – wer nicht hopst oder springt, hat schon verloren, so lautet die Botschaft des mitreißenden Abends, bei dem die beiden Tänzerinnen sogar das Publikum beflügeln – ihnen verdanken die Zuschauer eine Reihe ausgelassener Freudensprünge.

Ein ganz andere Stoßrichtung hat die Bewegung bei Johanna Chemnitz und Sonja Pregrad. Sie erforschen in ihrem Duo „Dishevelled“ die Auflösung von Gestalt und Identität, zerzaust werden hier nicht nur die Formsprachen des Tanzes, sondern auch die Weiblichkeitsbilder. Der Dresscode ist irritierend: die beiden Frauen tragen Strumpfhosen zu Stiefeln mit hohen Absätzen – so wirken sie halb an- und halb ausgezogen. Zunächst stapfen sie mit herausfordernder Miene über die Bühne wie durchtrainierte Action- Heldinnen. Doch dieses Bild bekommt bald Risse. Zuerst zittert nur die Tasse in der Hand von Sonja Pregrad. Dann scheint der ganze Körper vor Spannung zu vibrieren – denn die Tänzerinnen katapultieren sich immer wieder in merkwürdige Schräglagen. Instabil, haltlos wirken die Körper. Mit Bewegungen des Schüttelns rufen sie dann einen Effekt der Unschärfe hervor. Zunächst lassen sie ihre Mähnen flattern – dann schütteln die Frauen alles, was sie haben.

„Schüttel dein Speck!“ sang schon Peter Fox. Hier werden die wilden Shaker-Mamas allerdings von dem Musiker Neven Krajacic begleitet, der einen enervierenden Soundtrack aus Säge- und Kreischgeräuschen erzeugt. Auch die entfesselten Tänzerinnen gehen bis zu dem Punkt, an dem es wehtut. Es sind verzerrte und fragmentierte Körperbilder, die Chemnitz und Pregrad entwerfen – dabei bewegen sie sich zwischen Entblößung und Ekstase, Aggression und Hingabe.

Gehupft wie gesprungen oder gerührt und geschüttelt – die beiden Duette scheinen eine Trendwende einzuläuten. Der junge Tanz präsentiert sich weniger verkopft – es lässt sich ein neu aufgeflammtes Interesse an der Bewegung verzeichnen. Peter Pleyer freut sich jedenfalls: „Es fließt wieder Schweiß“.

Bis 13. Januar in den Sophiensälen (Sophienstr. 18, Mitte), Infos unter www.tanztage.de

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