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Berliner Tanztage : Jetzt bloß nicht die Luft anhalten!

06.01.2013 00:00 Uhrvon
Mähnen im Wind. Die dänische Tänzerin Christine Borch (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen.Bild vergrößern
Mähnen im Wind. Die dänische Tänzerin Christine Borch (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen. - Foto: Alexandra Richter

Über drei Tänzerinnen und ihre Kunst, allein durch Atmen in Ekstase zu geraten. Bericht zur Eröffnung der 22. Berliner Tanztage in den Sophiensälen.

Einatmen. Und ausatmen. Drei Tänzerinnen liegen auf einer runden Holzbühne, die Zuschauer sitzen rings herum wie beim Table Dance. Die Schönen sind in fließende Seidengewänder gehüllt, die gerade das Nötigste bedecken. Sie ziehen die Blicke auf sich, doch sie bleiben einfach liegen, tief entspannt, als sei’s das Ende einer Yogastunde.

Die Dänin Christine Borch ist beileibe keine blutige Anfängerin. Für ihr Solo „The body that comes“ wurde sie 2011 beim Euro-scene-Wettbewerb Leipzig mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die Philosophie des „Atme dich frei“ hat sie nun auf das Trio „One Revolution Respiration“ übertragen – und damit die 22. Ausgabe der Tanztage Berlin in den Sophiensälen eröffnet.

Bis 14. Januar stellt sich hier wieder der choreografische Nachwuchs vor. An der Tanzgeschichte von morgen wollen die Tanztage stricken – so die vollmundige Behauptung, die durch bunte Strickbilder im Programmheft untermauert wird. Es ist vor allem die steigende Internationalität, die auffällt. Sie zeigt, dass die Tanzstadt Berlin junge Talente aus aller Welt anzieht.

Bei Christine Borch wird der Atem zur Metapher für Veränderung – einer psychischen und einer physischen, denn die Dänin und ihre Mitstreiterinnen Jule Flierl und Moss Beynon Juckes denken natürlich ganzheitlich. Durch das gemeinsame Atmen versuchen sie zugleich, ihrem Ideal von Schwesterlichkeit näher zu kommen. Männer müssen aber nicht die Luft anhalten, keine Bange. Die Performerinnen konzentrieren sich völlig auf ihre Tätigkeit. Sie saugen die Luft in vollen Zügen ein, dann fangen sie an, den Atem zu rhythmisieren. Bald fängt eine an zu hyperventilieren. So hecheln und japsen sie sich mit schwerem Becken zum Orgasmus. Zu einem kollektiven multiplen Orgasmus, wie es scheint. Sie schütteln die Mähnen, bäumen sich auf, die Erregung erfasst die Körper in Wellen. Es ist ein weibliches Mysterium, das hier offenbar wird: in Ekstase geraten allein durch Atmen. Bei einer kleinen Umfrage im Foyer kam heraus, dass Männern diese Technik nicht vertraut ist.

Nach dem schnellen Höhepunkt schmiegen die Priesterinnen der Lust sich aneinander und wiegen sich in Trance. Es ist schon erstaunlich, welche außergewöhnlichen Zustände sie in Windeseile durchlaufen. Der Weg ist nicht immer ganz nachvollziehbar, wie dem Stück überhaupt der große Bogen fehlt. Am Ende setzen die Tänzerinnen auch die Stimme stärker ein, sie produzieren sinnlose Laute, juchzen und stöhnen mit maßloser Übertreibung, um so die weibliche Lust zum Ausdruck zu bringen. Und die ist offenbar grenzenlos. Auch wenn das Stück nicht sorgfältig durchchoreografiert ist: Das Selbstbewusstsein, mit dem die drei Tänzerinnen hier ihren lustbetonten Feminismus predigen, imponiert. Interessant ist, dass junge Frauen von heute wieder antreten, den Körper zu befreien. Dabei berufen sie sich allerdings auf ganz andere Praktiken. Christine Borch hält Workshops in der „Schwelle 7“ ab, jenem legendenumrankten Studio im Wedding, wo mit Sado-Masochismus und seinen Spielarten experimentiert wird. Von diesem Ort der Grenzüberschreitung schwappt eine neue Körperideologie auf die Bühnen der Hauptstadt.

Nach den drei Expertinnen für Entgrenzung wird es verkopft – und sturzlangweilig. Antje Velsingers „And the Boat Goes Backwards“ zeigt exemplarisch, woran so viele Tanzperformances heute kranken. Die junge Choreografin hat sich ein viel zu komplexes Thema gewählt: die Wahrnehmung von Zeit. Sie bezieht sich sogar auf Albert Einsteins Relativitätstheorie. Das Treiben auf der Bühne aber ist von bestürzender Einfalt. Es werden allerlei Rückwärtsbewegungen ausprobiert, zudem verschraubt sich Velsinger in vertrackte Bewegungen, die einfach nur umständlich wirken. Zwischen den Tänzerinnen entsteht keine Spannung. Zu maschinellem Krach stoßen Lea Martini und Velsinger sich von der Wand ab, immer und immer wieder – was viele Zuschauer in die Flucht schlägt. Die, die bleiben, stürzt das Duo in tiefe Ratlosigkeit.

Jetzt erst mal tief einatmen. Denn es kann nur besser werden. Denn die Tanztage locken diesmal mit Ritualen. Gespannt darf man sein auf die Witchtits, die uns mitten im Berliner Winter ins Paradies entführen wollen. Und es wartet ein weiteres Debüt: Zum ersten Mal treten israelische Choreografen aus dem Nachwuchsprogramm des HaZira bei den Tanztagen auf. Sandra Luzina

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