Berliner Theaterpreis : Alles muss raus

Beim Theatertreffen bedankt sich der großartige Schauspieler Jürgen Holtz für den Berliner Theaterpreis - und findet kein Ende.

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Ausgezeichnet. Jürgen Holtz am Sonntagmittag im Haus der Berliner Festspiele.
Ausgezeichnet. Jürgen Holtz am Sonntagmittag im Haus der Berliner Festspiele.Foto: dpa

Das war die längste Dankesrede in der 25-jährigen Geschichte des Berliner Theaterpreises. Und die dunkelste. Vielleicht durfte man von Jürgen Holtz nichts anderes erwarten, nichts Flockiges jedenfalls. Die 45-minütige Lebens- und Arbeitsbilanz, die er am Sonntagmittag im Haus der Berliner Festspiele zog, messerscharf, erbarmungslos, ging über „Motzki“-Tiraden hinaus und tief hinein in die Geschichte beider deutscher Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Was bleibt haften? Gibt es Werte? Gibt es Erinnerung?“ Am Theater regieren heute „Unlust, Unglaube, Überdruss“, wettert der 80-jährige Schauspieler. „Es sind Seuchen, sie zerfressen die Begabungen“. Er liest vom Blatt ab. Er sagt, er habe an dieser Rede gefeilt. Auf dass keiner seiner Weggefährten fehlt, Heiner Müller und Einar Schleef vor allem. Und keine Katastrophe unerwähnt bleibt: Dramaturgen zerstören die Lust am Theaterspiel, Regisseure verstehen nichts mehr von Sprache. Und wie oft er von Deutschland nach Deutschland gewechselt ist und den anderen und auch sich selbst immer fremder wurde. Bitter: Wie alles dem Zweckdenken unterworfen und die deutsche Theatertradition von Lessing über Hauptmann bis Brecht schon lange im Eimer ist. „Die Medien“ schaffen Scheinwelten und das Plagiat wird zum vorherrschenden Geschäftsmodell ...

Wenn er nur halbwegs Recht hat, müsste man sich sofort die Kugel geben. Wäre da nicht Angela Winkler, die Heines und Schumanns „Im wunderschönen Monat Mai“ zwitschert. Und Corinna Harfouch, die „Jürgens Lieblingsmärchen“ vorliest, die Geschichte vom Kaiser und seinen neuen, luftigen Kleidern. Dann aber deutet sich im weiteren Verlauf der finster ausgeleuchteten Veranstaltung schon an, was Jürgen Holtz nachher geißeln wird. Dramaturgen sind verkopft (die Lobrede von Hermann Beil vom Berliner Ensemble), Schauspieler sind eitel (der Ich-Auftritt von Klaus Maria Brandauer, der mit Holtz in Peter Steins „Wallenstein“ gespielt hat). Und was die Hommage von Robert Wilson an seinen lieben „J. H.“ betrifft, so ist sie kurz und schrill und das Gegenteil von dem, was der Schauspieler an diesem Regisseur schätzt: die Ruhe, die Konzentration. In der Reihe all dieser Theaterkünstler behauptet sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gut. Seine Bemerkung über den Preisträger erweitert er auf die ganze Stadt: Der Charme kommt hier vom Granteln.

Der von der Stiftung Preußische Seehandlung ausgelobte Preis ist mit 20000 Euro dotiert. Bei der Erwähnung der Summe winkt Holtz ab. Es ist ihm nicht recht zu machen. Er will es allen recht machen, die ihm etwas bedeuten. Da sind viele schon tot. Die Lebenden stimmen ihn nicht froh. Aber wozu muss ein Großer und Letzter wie Jürgen Holtz so hart mit sich ins Gericht gehen? Ist der beißende Selbstzweifel der Preis für seinen einmaligen Textinstinkt, sein Timing? Alles muss raus und runter von der Seele. Wie die Ehrung ihn erschüttert, sein Ringen um Worte des Dankes, das ist nicht komisch. Wie die eigene Biografie gegen ihn aufbegehrt. Oder war das vielleicht nur Theaterdonner? Nein, das passt nicht zu Holtz, so ein „nur“. Es geht ihm immer um das Ganze.

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