Berliner Theatertreffen 2013 : Der Schein und seine Werfer

Man freut sich darauf und hat zugleich Angst davor: ein Versuch, das seltsame Wesen des Theatertreffens zu verstehen.

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Das Logo des Theatertreffens
Das Logo des TheatertreffensFoto: Berliner Festspiele

Das Geheimnis des Theatertreffens liegt in seinem dialektischen Wesen. Es verändert sich – nicht. Man könnte natürlich einfach sagen, es ist eine Erfolgsgeschichte. Wenn eine Institution ein halbes Jahrhundert alt wird, muss da schon etwas dran sein. Aber auch das Gegenteil lässt sich behaupten: Das Theatertreffen ist einfach übrig geblieben. Niemand braucht es wirklich. Nur: Es wurde auch noch niemals überzeugend dargelegt, weshalb man auf das Theatertreffen verzichten sollte. Im Gegenteil. Wann immer an dieser Einrichtung gerüttelt wurde, hat sie sich wieder aufgerichtet.

Erster Versuch, das Theatertreffen zu verstehen: Es schreibt Geschichte. Weil aber Geschichte eben nicht Gegenwart ist, merkt man das nicht immer gleich. Im Mai 2013 wäre in jedem Fall festzuhalten: Je kurzlebiger das Theater selbst wird, desto wichtiger könnte das Theatertreffen als historischer Anhaltspunkt sein, zumal an seinem 50. Geburtstag.

Theatertreffen 2013
Seine Welt ist bunt. Mit „Murmel, Murmel“ an der Berliner Volksbühne ist Regisseur Herbert Fritsch auch in diesem Jahr wieder zum Theatertreffen eingeladen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: picture alliance / dpa
02.05.2013 12:46Seine Welt ist bunt. Mit „Murmel, Murmel“ an der Berliner Volksbühne ist Regisseur Herbert Fritsch auch in diesem Jahr wieder zum...

Denn das Theater verliert den Bezug zu seiner eigenen Biografie. Es leidet darunter, nicht mehr das Leitmedium zu sein, das es noch bis in die neunziger Jahre hinein war. Man muss nur in die Listen der Theatertreffenjahrgänge schauen, um zu ahnen, wie massiv der Wandel ist. Peter Zadeks Hamburger „Lulu“ mit Susanne Lothar, Einar Schleefs Frankfurter „Vor Sonnenaufgang“ mit all seiner Sprachmacht, Heiner Müllers „Lohndrücker“, der im Mai 1989 über die Grenze von Berlin nach Berlin reiste, Frank Castorfs krawallig-kluge Münchner „Miss Sara Sampson“, die 1990 die Freie Volksbühne schier sprengte, Luk Percevals vielstündige „Schlachten!“ nach Shakespeare: Das sind nur einige Beispiele dafür, wie eine Nominierung durch die Jury und ein Gastspiel in Berlin die Aufmerksamkeit für eine ohnehin schon wirkungsmächtige Inszenierung verstärkt und bestärkt haben. Ohne das Theatertreffen wären sie zwar nicht vergessen, aber sie hätten den ganz großen Auftritt und den Eintrag ins Geschichtsbuch verpasst.

Peter Zadek führt mit 21 Einladungen die ewige Liste an, gefolgt von Peter Stein und Claus Peymann mit 17, Christoph Marthaler mit 14, Luc Bondy und Jürgen Gosch mit je 13 Einladungen. Gosch und Zadek sind verstorben, die anderen sind zwar noch aktiv, aber kaum mehr theatertreffentauglich, was auch die Verjüngung der Jury mit sich bringt. Der nächst jüngere Einladungskönig ist Michael Thalheimer, Jahrgang 1965. Er eröffnet mit seiner Frankfurter „Medea“ das diesjährige Treffen. Er ist jetzt auch derjenige, der mit seinem atemlosen Stil für das traditionelle Schauspiel steht. Er stellt Stücke hin und aus wie Skulpturen. Fragile Menschen, erdbebensicheres Konzept.

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