Berliner Theatertreffen : Alfred-Kerr-Preis für Eichel

Zum Abschluss des 44. Theatertreffens deutschsprachiger Bühnen ist Julischka Eichel mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis als beste Nachwuchsschauspielerin des Jahres ausgezeichnet worden.

Berlin - Eichel bekam den Preis für ihre Interpretation der Lucy in Tilmann Köhlers Inszenierung von Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" am Nationaltheater Weimar. Das Inszenierungsteam um Regisseur Sebastian Nübling erhielt am Sonntag für "Dido und Aeneas", ein Musikalisches Schauspielprojekt am Theater Basel, den mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preis für eine "zukunftsweisende Leistung".

Als letzte der zehn aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geladenen Aufführungen lief am Freitagabend Andreas Kriegenburgs surreale Inszenierung von Anton Tschechows "Drei Schwestern" von den Münchner Kammerspielen. Auch diese Aufführung lud zum Meinungsstreit ein. Regisseur Kriegenburg ließ im wahrsten Sinn des Wortes "die Puppen tanzen". Anders als üblich zeigte er die Protagonistinnen nicht als zarte Wesen, sondern als handfeste, auch schrille Weibsbilder.

Diese eigenwillige Version des berühmten Theater-Dauerbrenners rundete das Bild des diesjährigen Theatertreffens ab: Es dominierten derbe Lesarten bekannter Stoffe mit scharfen Überzeichnungen. Die Mehrzahl der gezeigten Inszenierungen eiferte mit grellem Spaß-Theater gegen die Nutzlosigkeit der so genannten Spaß-Gesellschaft. Es wurde viel gebrüllt, die Kleider fielen oft. Mehr als Äußerlichkeiten wurden jedoch selten frei gelegt.

Besonderes Augenmerk auf Sozialkritik

Die aus sieben Kritikern bestehende Auswahljury legte, so der Eindruck vieler Beobachter, offenkundig besonderes Augenmerk auf Sozialkritik. Über nahezu jeder Aufführung stand die Frage nach dem Wert des Individuums in einer nur noch Massenbedürfnisse befriedigenden Gesellschaft.

Lediglich zwei der zehn von der Jury als "bemerkenswert" eingestuften Aufführungen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wichen davon ab: Dimiter Gotscheffs als Koproduktion des Thalia Theaters Hamburg mit den Salzburger Festspielen entstandene gesellschaftsanalytisch scharfe Lesart von Molières "Der Tartuffe" und Nüblings "Dido und Aeneas". Beide Inszenierungen fielen aus dem Rahmen, weil sie auch auf Zwischentöne und die Kraft der Stille setzen.

Schrille Inszenierungen

Die Betrachtung der Gegenwart war zentrales Thema. Dabei fiel auf, dass die Mehrzahl der Regisseure dem Schrillen heutiger Tage nur mit Schrillem in der Kunst zu begegnen vermag. Besonders reizvoll war es immer dann, wenn davon abgewichen wurde. Die Auswahljury musste sich den Vorwurf gefallen lassen, zu einseitig mit Blick aufs Grobe entschieden zu haben. Bemängelt wurde auch das Fehlen von Inszenierungen der freien Szene und von Stadttheatern.

Einigkeit herrschte aber darüber, dass die Auswahl der Stücke aus Basel, Berlin, Hamburg, München, Weimar, Wien und Zürich das Können deutschsprachiger Schauspielerinnen und Schauspieler eindrucksvoll belegt. Erhielt mancher Regisseur auch Buh-Rufe vom Publikum, wurden die Akteure nahezu durchweg mit Beifallsstürmen und Bravos gefeiert. So hat das 44. Theatertreffen Berlin eines in jedem Fall belegt: Die international hoch gelobten Ausbildungsmöglichkeiten für Schauspieler in Deutschland, Österreich und der Schweiz tragen Früchte.

Neben den abendlichen Aufführungen lud der Stückemarkt mit fünf szenischen Lesungen junger Dramatiker aus der Türkei, Deutschland, Großbritannien, Österreich und Finnland. Mit dem Förderpreis für neue Dramatik, dotiert mit 5000 Euro, wurde die finnische Autorin Maria Kilpi, ausgezeichnet. Ihr Stück "Wie ärgerlich" wird in der kommenden Spielzeit 2007/2008 am Maxim Gorki Theater Berlin uraufgeführt. (Von Peter Claus, dpa)

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