Kultur : Berliner Theatertreffen: Endstation Wien

Rüdiger Schaper

Selten hatte die Jury des Berliner Theatertreffens eine so leichte und zugleich auch undankbare Aufgabe: Die Frage war im Grunde nur, wie viele Inszenierungen des Wiener Burgtheaters sie nominieren würde. Vier sind es nun: ein Novum in der Geschichte des 1964 gegründeten Berliner Festivals. Nie zuvor war ein einziges Theater so dominant vertreten. Und so prominent: Luc Bondy, Peter Zadek und Martin Kusej heißen die Wiener Regisseure, doch vor allem sind es die Wiener (und Ex-Berliner) Schauspieler, die das 38. Theatertreffen für das Publikum attraktiv machen - Angela Winkler, Jutta Lampe, Susanne Lothar, Gert Voss, Ulrich Mühe, Ignaz Kirchner, Peter Fitz ... Eine konservative Auswahl, könnte man sagen - wenn die alten Kampfparolen konservativ und innovativ noch einen Sinn ergäben. Das deutschsprachige Theater, dessen Leistungsschau das Theatertreffen sein soll, befindet sich - seien wir mal optimistisch! - in einer Phase der Konsolidierung. So lässt sich auch der Erfolg des Burgtheaters und seines Direktors Klaus Bachler erklären. Schauspielkunst, Geschichten-Erzählen, das psychologische Drama bedeuten wieder etwas. Bachler versteht sich glänzend darauf, und er verfügt auch über die finanziellen Mittel, die Spitzen der theatralischen Gesellschaft in Wien zu versammeln. Eine leise Abkehr vom Brachialstil wird auch in Frank Castorfs "Endstation Amerika" erkennbar, die neben Claus Peymanns "Richard II." ihr Berliner Heimspiel hat. Castorfs Tennessee-Williams-Travestie befindet sich geradezu in einem Idealzustand zwischen Stücke-Zerschlagung und Text-Wiederentdeckung. Es war unter diesen Umständen nicht leicht, "Neues" zu präsentieren. Ob die Jury mit ihren Darmstädter, Dresdner und Hamburger Entdeckungen richtig liegt oder nur etwas Unbekannteres, naturgemäß Fragiles gegen den Wiener Block setzen wollte, wird sich zeigen. Apropos Hamburg: Der Regisseur Michael Thalheimer kommt mit "Liliom" von Ulrich Khuons Thalia Theater, Tom Strombergs Deutsches Schauspielhaus geht ebenso leer aus wie die durchaus beachteten Neuanfänge in Hannover und Bochum. Aus Hamburg hätte man sich Stefan Puchers "Möwe" gewünscht, schon wegen des Kontrastes zu Bondys Wiener Version. Die Jury hat eine Wahl getroffen, die dem oft umstrittenen Theatertreffen einen beinahe sicheren Erfolg verspricht. Was auch am Berliner Alltag liegt. Der neue Festspiele-Chef Joachim Sartorius hat ein großes Fest angekündigt in der Freien Volksbühne. Wie einst im Mai?

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