Kultur : Berliner Theatertreffen: Gut gebrüllt, Möwe

Das Geschrei der Möwen, sagt man, kommt aus den Seelen toter Matrosen. Deswegen darf ein Seemann nicht auf Möwen schießen. Aber was schert das den alternden Schriftsteller Trigorin, der aus Langeweile einen weißen Vogel vom Himmel holt, ihn ausstopfen lässt und nebenbei eine junge Schauspielerin - Nina - ruiniert, die man die Möwe nennt, und das alles nur, um die ganze Episode sogleich zu vergessen ...

"Die Möwe" von Anton Tschechow ist das Stück der Saison. Weil es (auch) von dem Konflikt der Generationen und ihren künstlerisch-gesellschaftlichen Illusionen erzählt: eine tieftraurige Komödie des Übergangs. Mit Luc Bondys ingeniöser Inszenierung der "Möwe" geht Anfang der Woche das 38. Berliner Theatertreffen zu Ende. Noch einmal Wien und noch ein zu erwartender Erfolg für Klaus Bachler und das Burgtheater, das mit vier Aufführungen das Theatertreffen in einer nie zuvor erlebten Art und Weise dominiert hat. Ein Burgtheatertreffen!

Es gab lange Schlangen und lange Gesichter - bei den vielen, die das Wiener Wunder nicht miterleben konnten. Der Ansturm war so groß wie seit Jahren nicht mehr. Alles wieder gut!? Die alte Freie Volksbühne, die jetzt sperrig "Haus der Berliner Festspiele" heißt, ist aus dem Koma erwacht. Der 38. Jahrgang des Berliner Theatertreffens war für Berlin, die gastgebende Stadt, keine reine Freude. Denn die "Achse Wien-Berlin", die Klaus Bachler zur Eröffnung im Tagesspiegel beschwor, erweist sich als Einbahnstraße. Man muss es immer wieder sagen, weil es ja nicht nur die "alte" Generation betrifft: Die große, alte Theaterstadt Berlin entwickelt derzeit keinen starken Magnetismus. Schauspieler und Regisseure, die in Berlin zu Hause waren, haben am Burgtheater ihre Heimat gefunden. Es mag Jahre dauern, bis sich wieder etwas entscheidend ändert. Immerhin: Bernd Wilms, der kommende Intendant des Deutschen Theaters, will Peter Zadek und Angela Winkler nach Berlin holen. Und er hat den Regisseur Michael Thalheimer engagiert, dessen "Liliom" vom Hamburger Thalia Theater eine Entdeckung des diesjährigen Theatertreffens war.

Wie die sehnsuchtsschöne "Endstation Amerika" von der Berliner Volksbühne - Frank Castorf war seiner Zeit immer schon ein Stück voraus -, beweist Thalheimer, dass das pure Konzept- und Experimentier-Theater sich erledigt hat. Er dringt mit seiner kahlen, brutalen, anti-illusionistischen Versuchsanordnung deshalb durch, weil er auf starke Protagonisten vertraut. Oder ein anderes Beispiel: Wie unerträglich wäre Martin Kusejs "Glaube und Heimat"-Gewaltakt, mit dem das Theatertreffen eröffnet wurde, ohne ein auf nahezu allen Positionen zupackend besetztes Ensemble? Damit erledigt sich die unsinnige Debatte über "junges" und "altes" Theater. Die Initiatoren der "Experimenta", des "jungen"Frankfurter Gegen-Festivals, erweisen sich als diejenigen, die mit alten Etiketten hantieren. Einem falschen, überkommenen Antagonismus hat auch die Theatertreffen-Jury gehuldigt.

Sie ließ Inszenierungen von Stefan Pucher oder Nicolas Stemann links liegen und ignorierte die Tatsache, dass sich da ein Post-Pop-Theater zu formieren beginnt. Statt dessen leistete sich die Jury gleich drei Fehlgriffe aus der Grauzone des beflissenen Stadttheaters: "Chroma" aus Darmstadt, Claus Peymanns "Richard II" vom Berliner Ensemble und "Das Fest" aus Dresden, die zweite für Berlin ausgewählte Arbeit des Neulings Thalheimer, dem die Jury damit einen Bärendienst erwies.

Apropos Pop: Man kann sich kaum ein gewagteres Experiment denken als Zadeks "Rosmersholm". Wie Angela Winkler und Gert Voss hier elegant, manieriert und haltlos egozentrisch schließlich zu Grunde gehen, so radikal zerfällt keine Multi-Media-Welt, kein Pop-Produkt. Und dass dies "Rosmersholm" und auch Bondys "Drei Mal Leben" den Transport vom kleinen Akademietheater ins große Festspielhaus nicht ohne akustischen Schaden überstanden, das hat auch etwas mit dem Einmaligkeitscharakter von Theater zu tun, leider. Ein Gastspiel auf einer kleineren, intimeren Berliner Bühne hätte das ganze Unternehmen noch exklusiver gemacht. Das ist das ewige Dilemma.

Das leise Unbehagen, das manch einer bei dem Run auf die Rosmers empfand, rührt jedoch nicht aus einer sich selbst perpetuierenden Virtuosität. Die Inszenierungen von Zadek und Bondy sind Ausnahmeerscheinungen. Sie erinnern an Zeiten, da sich das Theater seiner selbst noch sicherer war. Sie setzen noch einmal und wieder Maßstäbe, die verloren gegangen sind, nicht nur in Berlin, und werden deshalb vielleicht auch mit himmelhohen Erwartungen überlastet. Ein "Rosmersholm" verändert nicht die Theaterwelt. Aber es strahlt aus, in seiner Singularität. Ist schon jetzt Legende. Weil Zadek die anderen Helden von damals, die Steins und Peymanns, hinter sich gelassen hat. Und weil man ja auch George Tabori, dem bald 87-Jährigen, nicht mehr zumuten kann, dem Theatertreffen die Glanzlichter aufzustecken, so wie er es viele Jahre lang getan hat.

Es ist banal und doch unendlich schwierig: Für einen phänomenalen Abend müssen Regie und Schauspielkunst und Stück und Bühnenbild zusammenkommen, zusammenspielen. Das gilt für Zadek, Castorf und Marthaler wie für Thalheimer oder Thomas Ostermeier, der nicht zum Theatertreffen eingeladen war, sondern zur "Experimenta". Es gibt viele, vielleicht zu viele Festivals, aber das Berliner Theatertreffen will weitermachen wie bisher. Mit einer neuen Jury und den alten und umständlichen Regularien. Die nachträgliche, außerordentliche Einladung von Christoph Schlingensiefs Zürcher "Hamlet"-Geschnetzeltem macht Hoffnung, dass sich das Theatertreffen wirklich zu einem Fest entwickelt.

Vor hundert Jahren schrieb Anton Tschechow über die Liebe: "Entweder ist sie ein Überrest von etwas, das früher einmal etwas Großes war, oder sie ist ein Teil dessen, dass sich in der Zukunft zu etwas Großem entwickeln wird. In der Gegenwart jedoch befriedigt sie nicht, gibt einem weit weniger, als man erwartet." Ebenso verhält es sich mit dem Theater. Nur dass wir seither vielleicht noch etwas ungeduldiger geworden sind - und gerne mit Kanonen auf tote Seeleute schießen.

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