Berliner Theatertreffen : Wenn Starke Schwäche zeigen

Berliner Theatertreffen: Eine „Reise durch die Nacht“ mit dem Schauspiel Köln, ein Schwächeanfall auf der Bühne – Impressionen von einer seltsam verrutschten Gala mit Erinnerungen aus 50 Jahren.

von
Auf den Spuren von Friederike Mayröcker. Szene aus der „Reise“. Foto: Stephen Cummiskey
Auf den Spuren von Friederike Mayröcker. Szene aus der „Reise“. Foto: Stephen Cummiskey

Für gewöhnlich ergibt sich aus dem Inhalt eines Dramas seine Form. Bei der britischen Regisseurin Katie Mitchell, Jahrgang 1964, ist es umgekehrt. Bei ihr weiß man, egal, welche Geschichte sie erzählt, schon vorher ziemlich genau, wie sie aussehen wird. Vorn auf der Bühne steht bei ihr die immer gleiche komplexe Architektur, halb Bühnenbild, halb Filmset.

Ein Setzkasten, in dem sich Spielzimmer mit Tonstudios und Sprecherboxen abwechseln. Unten agieren Schauspieler, beleuchtet und gefilmt von Kameraleuten, während man auf der Leinwand im ersten Stock das Gespielte als virtuos geschnittenen Live-Film bewundern kann. Virtuos und bewunderungswürdig sind zwei Wörter, die für das Filmtheater der Katie Mitchelll von enormer Bedeutung sind.

Ob ein Abend glückt oder nicht, hängt ganz von dem Stoff ab. Ist er vielschichtig und komplex, ist er stark genug, um den technoromantischen Budenzauber und die naseweise Jonglage mit Traum, Wirklichkeit, Zeit und porösem Ich zu rechtfertigen? Die Erzählung „Die gelbe Tapete“, vor einigen Monaten an der Schaubühne herausgekommen, erzählte zu eindimensional vom Wahnsinnigwerden einer Frau. Das Ganze lief als aufgedonnerte Illustration eines inneren Monologs schnell leer.

Bei dem Text „Reise durch die Nacht“ vom Schauspielhaus Köln geht es dagegen wunderbar auf. Auch der Text von Friederike Mayröcker aus dem Jahr 1984 ist ein Monolog und handelt von der Selbstauflösung einer Frau, verzahnt dabei aber traumatische Kindheitserinnerungen und gegenwärtige Handlungsebene auf eine spannende Weise, die schließlich auf die Entdeckung eines Geheimnisses, eines verdrängten Ereignisses hinausläuft. Nach der Beerdigung ihres Vaters reist eine Frau mit ihrem Ehemann mit dem Nachtzug von Paris nach Wien – und verliert sich in der Dunkelheit der Nacht in Trauer und Wahn.

Das verzweifelte Gesicht Julia Wiesingers in Großaufnahme, die düstere Enge eines Zugabteils, die ohnmächtige Zehnminutenflucht in die Arme des Schaffners und der Gewaltausbruch des eifersüchtigen Ehemanns, der schockartig die verlorene Erinnerungen ans überreizte Bewusstsein spült. Im ewig gleichen Rattern der Zugräder gelingt Katie Mitchell und ihrem Team ein bewegender Thriller der Selbstbefreiung. Andreas Schäfer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben