Berliner Traditionsfirma : Das will gegossen werden

Nach 111 Jahren in Friedenau zieht die Bildgießerei Noack um. Das Geschäft floriert, das Haus muss wachsen.

Michael Zajonz
Noack
In Bestform. Hermann Noack IV. und Hermann Noack III. -Foto: Thilo Rückeis

Ein magischer Moment, wenn die 1200 Grad heiße Bronze aus dem rotglühenden Schmelztiegel in die mit Gipsschamotte ummantelte Form fließt. Die beiden Gießer sehen in ihrer silbrig glänzenden Schutzkleidung mit heruntergeklapptem Visier aus wie altgediente Jedi-Ritter beim Kampf mit unberechenbarer Materie. Ihre Handgriffe müssen sitzen. Und für einen Augenblick kreist alle Aufmerksamkeit um sie. Wird die erwärmte Bronze reichen? Verteilt sie sich gut in allen Verästelungen der Gussform?

Ein magischer Moment. Und doch tägliche Routine in der Bildgießerei Hermann Noack in Friedenau. 30 Tonnen Bronze wurden hier letztes Jahr verarbeitet, dazu Materialien wie Aluminium und Neusilber. Das heißt: An beinahe jedem Vormittag ein Gussprozess, und nicht selten folgt am Nachmittag ein zweiter.

Bronzeguss ist ein archaisches, schweißtreibendes Handwerk. Bei Noack wird es im gutbürgerlichen Wohnviertel um den Bundesplatz ausgeübt. In vierter Generation produziert die 111 Jahre alte Bildgießerei handwerklich und künstlerisch anspruchsvolle Skulpturen. Ernst Barlach und Käthe Kollwitz ließen hier gießen. Heute gehören der bildhauernde Maler-Berserker Jonathan Meese und dessen Berliner Galerie Contemporary Fine Arts ebenso zu den treuen Kunden wie die Berliner Filmfestspiele. Seit einem halben Jahrhundert fertigt Noack die Goldenen und Silbernen Bären nach dem Modell von Renée Sintenis.

Tradition und Trend halten sich hier wundersam die Waage. Die Berliner Galerienszene boomt, zugleich ist das Interesse an klassischer Skulptur wieder erwacht. „Eine sehr gute Auftragslage“, konstatiert der 43jährige Geschäftsführer Hermann Noack. Gemeinsam mit seinem gleichnamigen 77-jährigen Vater leitet er die Bildgießerei. Hermann Noack III. und Hermann Noack IV. lassen sich die beiden Herren nennen, zur besseren Unterscheidung, untereinander und gegen die Vorgänger. Hermann Noack I., der Großvater respektive Urgroßvater, hat die Firma 1897 gegründet. Noack, das ist alter Gießeradel. Noch als Werkmeister der renommierten Firma Gladenbeck hat Hermann I. in Friedenau Reinhold Begas’ Nationaldenkmal auf Kaiser Wilhelm I. gegossen. Das patriotische Schwergewicht stand bis 1950 vorm Berliner Schloss.

Damit sich alles so weiterentwickeln kann wie bisher, muss sich die Traditionsgießerei nun wandeln. Das aus allen Nähten platzende Familienunternehmen wird umziehen: weg von der Varziner Straße, wo die Nachbarn trotz nahe gelegener S-Bahntrasse und Stadtautobahn immer mal wieder gegen den LKW-Lieferverkehr rebellieren. Ziel des Umzugs ist ein sechs mal so großes Grundstück in Charlottenburg Nord. Vattenfall hat dort ein Kraftwerk verkleinert und die entstandene Industriebrache mit Spreeblick an Noack verkauft.

Kürzlich präsentierten Vater und Sohn ihre Neubaupläne. Neben der neuen Gießerei entstehen in mehreren Bauabschnitten vermietbare Künstlerateliers, ein Skulpturenpark und ein Gießereimuseum, Räume für die Werkstattgalerie und ein Café. Das vom Berliner Architekten Reiner Maria Löneke entwickelte Projekt will eine Art Musterfabrik für Kreative sein. Betriebsabläufe und ökologische Rahmenbedingungen werden sich deutlich verbessern. Noack junior hat es zudem die Wasserlage inklusive Bootsanleger angetan. Er träumt von kunsttouristischen Tagestouren per Wassertaxi: Gießereibesuch, die künftige Kunsthalle am Hauptbahnhof, Contemporary Fine Arts im Galeriehaus an der Museumsinsel...

Ganz so rosarot wird der für Ende 2009 geplante Umzug vielleicht nicht verlaufen. Jedenfalls nicht für Hermann Noack III., geboren in der ans alte Firmengelände grenzenden Fehlerstraße: „Mein Sohn macht es anders. Zuerst habe ich mich gesträubt. Dieser Umzug tut schon weh.“ Schließlich hat der Senior, dessen Vater Hermann II. 1958 starb (während der Rekonstruktion der Quadriga auf dem Brandenburger Tor), den Firmenstandort Friedenau zur weltweit bekannten Adresse entwickelt.

In der vorstädtisch-verschlafenen Varziner Straße sind unter dem dritten Noack Bildhauerstars wie Bernhard Heiliger, Ed Kienholz oder Henry Moore ein und aus gegangen. Noch heute legt man bei Noack großen Wert darauf, dass sich die Künstler dort nicht nur wohl fühlen, sondern in den Herstellungsprozess ihrer Skulpturen einbezogen werden. Henry Moore, der Ende der fünfziger Jahre auf Empfehlung seines Londoner Galeristen kam, ließ fortan einen Großteil seiner Arbeiten in Berlin gießen. Und änderte – so sieht es jedenfalls Noack senior – sogar seinen Stil, um die handwerklichen Möglichkeiten der Berliner Profis voll auszureizen. „Large two forms“, die runde Riesin vor dem Bonner Bundeskanzleramt, ist in Friedenau entstanden. Loki Schmidt hat damals auch vorbeigeschaut.

Wer das Glück hat, mit dem vergnügt vor sich hin pfeifenden alten Noack in den Friedenauer Firmenkeller hinabzusteigen, taucht ein in ein Märchenreich aus Staub, Gips und Geschichten. Neben Hunderten von Modellformen lagern hier die Originalmodelle ganzer Bildhauergenerationen. Barlach, Kolbe, Gaul und Scheibe, alles Väter der Moderne. Aber ebenso die bunten Reste einer Gartenzwerg-Installation der koreanischen Künstlerin Zeo.

Hermann Noack III. ist sich sicher, dass nur er hier noch einigermaßen durchsieht. Das soll sich ändern. Am Charlottenburger Standort wird aus der Kellerkunst ein kleines Modell- und Firmen-Museum entstehen. Damit die nächste Generation nicht die eigene Geschichte vergisst.

Der Bildschirmschoner von Hermann Noack IV. zeigt übrigens ein Foto seiner Kinder. Zwei Töchter. Die nächste Generation ist weiblich. Hermann adé.

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