BERLINER TRAGIKOMÖDIE„Die Ratten“ : Fatale Frauen

Sandra Luzina

In der baufälligen Berliner Mietskaserne, dem Schauplatz von Gerhart Hauptmanns 1910 geschriebenem Stück „Die Ratten“, sind Armut, Laster und dumpfe deutschnationale Gesinnung zu Hause. Der ehemalige Theaterdirektor Harro Hassenreuter hat auf seinem Dachboden einen Theaterfundus eingerichtet und gibt Schauspielunterricht. Als Anwalt des pathetisch-idealistischen Theaters gerät er heftig mit seinem Schüler Erich Spitta aneinander. Der verkrachte Theologe verficht eine naturalistische Menschendarstellung und will von Schiller und Goethe nichts wissen.

Auf diesem Dachboden wird auch ein fataler Handel geschlossen: Frau John, deren Neugeborenes gestorben ist, kauft dem schwangeren Dienstmädchen Pauline Piperkarcka das ungewollte Kind ab. Als Pauline den Handel bereut und das Kind wiederhaben will, reagiert Frau John panisch. Sie beauftragt ihren zwielichtigen Bruder Bruno, die Piperkarcka einzuschüchtern – mit Totschlag und Selbstmord als fatalen Folgen. Hauptmann verknüpft das tragische Geschehen mit einer komischen Parallelhandlung. Während Hassenreuther und Spitta noch über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit diskutieren, sind ihre ästhetischen Theorien schon längst von den sozialen Verhältnissen überholt. Der Regisseur Michael Thalheimer, berühmt für die radikale Verdichtung von Theatertexten, inszeniert die Tragikomödie mit den zwei fatalsten Frauen des DT: Constanze Becker leidet als Frau John an einem verhängnisvollen Mutterkomplex, Untergangsspezialistin Regine Zimmermann als ausgebeutete Piperkarcka ist eine gloriose Schmerzensfrau. Sandra Luzina

Deutsches Theater, Sa 6.10., 20 Uhr (Prem.), So/Mi 7./10.10., 19.30 Uhr, 9-37 €

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