Berliner und Erster Weltkrieg : Brot und Frieden

Nach anfänglicher Euphorie bekommt auch Berlin die Kriegsfolgen zu spüren.

Arnulf Scriba
Plakat für die Frauenhaarsammlung (J. Wiertz, 1918).
Plakat für die Frauenhaarsammlung (J. Wiertz, 1918).Foto: DHM

Als sich im August 1914 das „Piccadilly Café“ in „Kaffeehaus Vaterland“ umbenannte, traf der Besitzer öffentlichkeitswirksam den Nerv einer in nationaler Erregung befindlichen Gesellschaft. Ob aus Überzeugung oder aus Angst der Inhaber vor Ausgrenzung und Umsatzverlust: Ungezählte Firmen und Geschäfte änderten im Zuge des patriotischen Überschwangs nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihren Namen: Der fremde Zungenschlag alltäglicher Begriffe konnte schnell antinational aufgefasst werden.

Die über alle Maße der Vernunft hinausgehende Siegesgewissheit 1914 stand in scharfem Kontrast zur Stimmung zwei Jahre später, nachdem ein Großteil der Berliner Bevölkerung die Auswirkungen des Krieges am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. Aufgrund der unzureichenden Versorgungslage waren die Menschen immer zeitintensiver damit beschäftigt, sich notwendige Lebensmittel und Brennstoffe zu beschaffen. Der Arzt Alfred Grotejahn notierte am 17. März 1916 über die Folge der zunehmenden Unterernährung in sein Tagebuch: „Die Berliner Bevölkerung bekommt von Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen treten hervor, und die entfettete Haut legt sich in Falten.“

Im Winter 1916/17, als aufgrund schlechter Ernte selbst Kartoffeln als Grundnahrungsmittel zur Versorgung der Bevölkerung ausfielen und durch Steckrüben ersetzt werden mussten, lag der tägliche Durchschnittsverbrauch eines Erwachsenen meist unter 1000 Kalorien. Lebensmitteldiebstahl und andere Eigentumsdelikte nahmen während des Krieges sprunghaft zu.

Bessergestellte bedienten sich uneingeschränkt auf dem Schwarzmarkt

Auch die Prostitution erreichte ein bis dahin unbekanntes Ausmaß. Um das eigene Sattwerden oder das ihrer Kinder zu ermöglichen, sahen sich immer mehr Frauen gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Die Mehrfachbelastung von Lebensmittelbesorgung, Kindererziehung und Arbeit, die Sorge um das Wohlergehen des Partners an der Front – oder die Trauer um ihn – ließ viele Frauen physisch und psychisch an ihre Grenzen stoßen. Zugleich waren die Daheimgebliebenen zu umfangreichen Sammeltätigkeiten aufgerufen. Gesammelt wurde alles, was weiterverwertbar war: Altpapier, Lumpen, Gummi, Metall. Auch langes Frauenhaar war begehrt: Aus ihm wurden Treibriemen und Dichtungen hergestellt, da wegen der britischen Seeblockade Kamelhaar nicht mehr erhältlich war.

Zusammen mit den immer höheren Menschenverlusten an der Front und in der Heimat führten diese härter werdenden Bedingungen zu einer tiefen Kriegsmüdigkeit. Wer sah, wie finanziell Bessergestellte ihren Bedarf über den Schwarzmarkt uneingeschränkt decken konnten, der gelangte bald zu der Überzeugung, dass für die gesamte Bevölkerung genügend Nahrungsmittel und Kohle vorhanden wären – wenn sie nur gerechter verteilt würden. Dies führte bei hunderttausenden Berlinern zu Frustration und sozialem Hass, vor allem aber zu einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust des Staates.

Anfang 1918 kam es zu einem politischen Massenstreik, dem sich in Berlin rund 400 000 Menschen anschlossen. Ihre Hauptforderung: „Frieden und Brot!“ Viele andere aber verbanden mit den allgegenwärtigen Porträts von Kaiser Wilhelm II. und Paul von Hindenburg bis Herbst 1918 auch weiterhin die feste Erwartung auf den Sieg.

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