• Berliner Wahlkampf: Mit Rhythmus - Warum Berlins Sozialdemokraten heiterer tun als sie sind

Kultur : Berliner Wahlkampf: Mit Rhythmus - Warum Berlins Sozialdemokraten heiterer tun als sie sind

Brigitte Grunert

Seit dem Machtwechsel im Juni gibt sich die SPD heiter, gelassen und selbstbewusst, als hätte sie überhaupt keine Zweifel am Wahlsieg. Ihr Wahlkampf dreht sich um den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und seinen Amtsbonus. Verstand nicht auch Eberhard Diepgen mit diesem Pfund zu wuchern? Wowereit regiert und charmiert, er pflegt Kontakte und verströmt gute Laune. Er braucht keine Fachberater wie Frank Steffel und greift nicht an wie die CDU. Er hat ja seine Regierungskompetenz. Steffel hat seine "legitime Oppositionstrategie", wie die SPD mit Lust betont. Und wenn schon Angriff, dann besorgt ihn SPD-Chef Peter Strieder als Vorwärtsverteidigung, indem er die Union immer mal an die Parteispenden- und Bankenaffäre erinnert.

Die große Linie - sie fehlt

Wowereit sagt sich: Die beste Werbung ist ein fehlerlos guter Eindruck. Nur worin das Regieren besteht, ist schwer zu sagen. Erstens wurde der PDS-gestützte rot-grüne "Übergangssenat" mit dem ausdrücklichen Willen zu raschen Neuwahlen gebildet. Zweitens kann die SPD nach zehn Jahren Großer Koalition nicht mit brandneuen Konzepten aufwarten; das wäre auch nicht glaubwürdig. Drittens kann der Senat keine schwerwiegenden Entscheidungen treffen, die den nächsten Senat binden, denn niemand kennt die künftige Koalition. Viertens fehlt so etwas wie eine große Linie, ein Entwurf aus einem Guss.

"Berlin bewegen", lautet das SPD-Motto. Doch wohin? Die CDU habe keine heißen Eisen anpacken wollen, sagt die SPD über den gewesenen Koalitionspartner. Jetzt werden sie angefasst, aber noch nicht geschmiedet. Der Senat will dringende Vorhaben vorantreiben - soweit möglich, bis zur Entscheidungsreife. Die Bankgesellschaft wird neu strukturiert; das erfordert Zeit und Diskretion. Das notleidende Theater des Westens wird privatisiert; die Ausschreibung dauert. Der Haushaltsentwurf 2002 kommt nach der Wahl; der Kassensturz ist schwer genug. Überzählige Amtsgebäude werden verkauft, das Gebäudemanagement wird kostensparend umorganisiert und privatisiert. Der Personalabbau im öffentlichen Dienst wird forciert, S-Bahn und BVG werden zusammengelegt; das geht nicht von heute auf morgen.

Die SPD setzt auch plakativ auf Sympathie-Werbung - weich wie Butter, heiter wie ein schöner Morgen. Die Leute sollen sagen: Das sind doch Pragmatiker, keine moralvergessenen Kommunistenfreunde. Wowereit hat "das richtige Taktgefühl" für den "eigenen Rhythmus" Berlins. Ein vitaler Rentner witzelt: "Berlin muss sparen. Sparen wir uns erst mal die CDU." Mit einem Politiker-Kopf würde das Plakat zu aggressiv wirken. So scharf wird kalkuliert.

Doch unter der Wowereit-Sonne grollt der Donner. Es gab SPD-Austritte wegen der indirekten Machtbeteiligung der PDS, wenngleich es mehr Eintritte gab. Manche aber drohen für den Fall der rot-rot-grünen oder gar rot-roten Koalition - oh Schreck - mit Parteiaustritt. Dass Wowereit und Strieder die PDS ausblenden, beunruhigt viele. Es soll wegen dieser wahlentscheidenden Machtfrage bohrende Fragen in der SPD-Spitze geben, wie man auf die Sorgen der Wähler einzugehen gedenkt. So zieht die SPD mit einer Achilles-Ferse in die Schlacht.

Immer an den Wähler denken

Wowereit hält sich demonstrativ Gregor Gysi vom Leibe - und jongliert wie ein Varietee-Künstler mit mehreren Bällen. Er weiß auch nicht, wie am 21. Oktober abgerechnet wird. Er ließ den Wahlhelfern drei Worte einschärfen: "Der Wähler entscheidet." Will sagen, bei tüchtigem Aufwind für die SPD erledigt sich die liebe Not mit der PDS. Kann sein, dass die rot-grün-gelbe Ampel mit der FDP blinkt. Wenn nicht, haben die Wähler eben die PDS ins Boot gezogen. Aber die SPD will ja die CDU überholen und die rot-grüne Wunschkoalition pur erhalten. Das ist ein reichlich ehrgeiziges Ziel nach ihrem Waterloo vor zwei Jahren, schwer erreichbar. Am 22. Oktober 1999 fiel die Abgeordnetenhaus-Wahl so aus: CDU 40,8, SPD 22,4, PDS 17,7, Grüne 9,9 Prozent; die FDP blieb draußen.

Kurzum, wie die Dinge liegen, wird es Wowereit nie wieder so leicht haben wie vor dem Wahlsonntag.

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