Kultur : Berliner, Weltenbürger, Saitenspringer

Dem Philharmoniker Hellmut Stern zum 80.

Frederik Hanssen

Nach 23 Jahren im Exil ist er gerade zwei Tage wieder in Berlin, als ihm das Zimmermädchen weinend sein Frühstück bringt: In der Nacht ist die Mauer gebaut worden und die Hotelangestellte hat ihre gesamte Familie „drüben“. Hellmut Stern bleibt trotzdem – und wird am 15. August 1961 als Erster Geiger Mitglied der Berliner Philharmoniker.

„Für mich gibt es eine Heimat, und das ist Berlin. Ansonsten bin ich Kosmopolit“, sagt Hellmut Stern. Geboren wurde er am 21. Mai 1928 in der Reichshauptstadt als Sohn eher jüdischer Eltern, er wächst in armen Verhältnissen auf. Nach der Progromnacht 1938 will die Familie ins Ausland, aber ihre Anträge werden überall abgewiesen. „Wer Geld hatte oder berühmt war, durfte in die USA auswandern. Aber nicht alle Juden waren reich“, erinnert sich Stern, in dessen Buch „Saitensprünge“ (Aufbau) man das Abenteuer seines Lebens nachlesen. „Das Verhalten der westlichen Mächte gegenüber dem, was in Hitler-Deutschland passierte, ist etwas, was mich bis zu meinem Lebensende schmerzen wird“, so Stern. Die Familie ergattert ein Visum für China und kann dann doch flüchten: der Beginn einer langjährigen Odyssee. Sie schlagen sich bis in die Mandschurei durch, in die nordchinesische Stadt Harbin, wo damals die größte jüdische Gemeinde Ostasiens existierte.

Mühsam hält sich die Familie über Wasser. Der Junge Hellmut spielt ab dem fünften Lebensjahr Klavier und ab dem neunten Geige, er tingelt durch Bars und Hochzeitsfeiern. „Ohne unsere Musik hätten wir nicht überlebt“, sagt er später. 1949 reisen sie weiter nach Israel aus, doch auch hier erwartet sie die Armut, bis der hochbegabte Sohn 1951 eine Stelle beim Israel Philharmonic Orchestra ergattern kann. Drei Jahre später erkrankt der Vater schwer, der Sohn folgt den Eltern in die USA, spielt in Orchestern in St. Louis, Rochester und Chicago und hat Heimweh nach Europa. Klopfenden Herzens fliegt er 1961 nach Berlin – und wird Philharmoniker.

Ein engagierter Philharmoniker: Bis zu seiner Pensionierung 1994 hat Stern die weltweit einmalige, basisdemokratisch organisierte „Orchesterrepublik“ aktiv mitgestaltet, als Mitglied des Vorstands von 1969 – 1972 und von 1990 – 1992 sowie ab 1984 eine Weile im Fünferrat.

Und die allererste Reise der Berliner Philharmoniker nach Israel hat er auch organisiert, 1990, mit Daniel Barenboim als Dirigent. Die Philharmoniker in Israel, das war wegen der Geschichte des „Reichsorchesters“ und der NSDAPMitgliedschaft ihres früheren Chefdirigenten Herbert von Karajan, lange eine Unmöglichkeit; über das „Dritte Reich“ hat Hellmut Stern mit Karajan übrigens nie gesprochen. Aber mit der Israelreise 1990 hat sich sein musikalisch-biografischer Lebenskreis für einmal aufs denkbar Schönste geschlossen. Heute feiert der Berliner Musiker und Weltenbürger Hellmut Stern seinen 80. Geburtstag. Frederik Hanssen

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