Berlinische Galerie: "Bei Mutti" : Einatmen, Luft anhalten, denken

Sportiver Feingeist: Der Bildhauer Erwin Wurm lädt in der Berlinischen Galerie zum Parcours. "Bei Mutti" heißt die Ausstellung.

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Minutenskulptur. Erwin Wurm demonstriert „The Idiot III“.
Minutenskulptur. Erwin Wurm demonstriert „The Idiot III“.Foto: Studio Erwin Wurm/VG Bildkunst Bonn 2016

Wenn es eine Herausforderung in der Berlinischen Galerie gibt, dann ist es der erste große Saal: lang, schmal, hoch. Manchen Künstler hat man in Berlins „Turbine-Hall“, wie sie in Anspielung auf die Tate Modern in London eine Zeitlang tituliert wurde, scheitern sehen; andere wussten sich souverän gegen den schwierigen Saal zu behaupten. Nun aber hat der widerspenstige Raum seinen Meister gefunden, einen wahren Taschenspieler der Dimensionen.

Für die Ausstellung „Bei Mutti“ hat der österreichische Bildhauer Erwin Wurm die Skulptur „Narrow House“ in die Halle gestellt, eine Kopie seines in der Steiermark gelegenen Elternhauses, auf absurde 1,10 Meter Breite gestaucht. Vor dem Besucher ragt nun eine Miniatur-Schmalseite des biederen Gebäudes auf, darüber ein feuerrotes Satteldach, wie man es zuhauf aus der Provinz kennt. Betreten erlaubt! Nur muss der Besucher den Bauch einziehen, will er Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, Bad wirklich besichtigen. Das Interieur – Toilettenbecken, Betten, Tisch, Stühle – wurden entsprechend geschrumpft.

Die spaßige Spießerhölle mit 70er-Jahre-Appeal, den orangefarbenen Tapeten und muffigen Vorhängen nimmt einem schnell die Luft, das Lachen erstickt im Hals. Dabei will Wurm sein Zuhause keineswegs desavouieren. An den Wänden hängen Fotografien, die den kleinen Erwin verkleidet als Matrose mit angeklebtem Bart zeigen. Diese Vorarlberger Kindheit kann also nicht nur dumpf gewesen, es muss auch lustig zugegangen sein. Ansonsten hätte sich der Bildhauer nicht seinen Sinn für Humor bewahrt, mit dem er hintersinnig die Umstände unser aller Existenz befragt.

Seit bald 30 Jahren verblüfft Wurm sein Publikum

Mit immer neuen Verschiebungen der Größenverhältnisse, verrückten Einfällen zum Mobiliar, absurden Handlungsanweisungen verblüfft Wurm seit bald dreißig Jahren sein Publikum, mittlerweile ein Garant für gute Laune im Ausstellungsbetrieb.

Die Besucher steigen auch in der Berlinischen Galerie von Berührungsängsten frei auf die Podeste und probieren die verschiedenen „One-Minute-Sculptures“ aus. „Auf Tennisbällen liegen. Kein Körperteil berührt den Boden. Eine Minute liegen bleiben... an nichts denken“, lautet eine Instruktion. Die holprigen Selbstversuche werden entsprechend feixend von der jeweiligen Begleitung mit dem Handy fotografiert. Die nächste Station ist mit „Take your most loved Philosophers” überschrieben und fordert dazu auf, sich die ausgelegten Bücher zwischen Beine und Arme zu klemmen. Wurm gibt hier den sportiven Feingeist.

Eine weitere Instruktion lautet „tief einatmen, Luft halten und an Spinozas Freien Willen denken“ – während man mit nach vorne ausgestreckten Beinen auf einem Gebetsteppich sitzen soll.

Die Alberei steht in einer kunsthistorischen Tradition

Trotz aller Alberei stehen die „One-Minute-Sculptures“ in einer kunsthistorischen Tradition. Die Verlebendigung des Kunstobjekts, die Auferweckung toter Materie geht auf die Geschichte des Bildhauers Pygmalion in Ovids „Metamorphosen“ zurück. Wurm dreht den Spieß um, zumindest für ein Minutenglück. Allerdings ist die „Living Sculpture“ keineswegs seine Erfindung: Gilbert & George, das britische Performerpaar, Timm Ulrichs, der sich selbst zum lebenden Kunstwerk erklärte, Franz Erhard Walther, der sich bei grotesken Handlungen fotografierte – sie alle gingen ihm voran. Der patente Österreicher holt jedoch den Ausstellungsbesucher als Akteur ins Spiel und verändert damit den Zugang. Dabei geht es nicht um Mitmach-Theater, sondern eine andere Reflexionsebene. Das Bizarre der Posen – einen Arm durch ein kreisrundes Loch im Sofa gesteckt, einen Holzstuhl vor das Gesicht geklemmt, den Kopf in einen Kühlschrank gelegt – legt die Widersprüchlichkeiten des Alltags frei, die versteckten Neurosen.

Natürlich würde es in der Realität niemals zu solchen Szenarien kommen, aber sie öffnen doch die Tür zu einem gefürchteten Irrwitz, der in den Dingen steckt.

In geradezu brutaler Konsequenz treibt Wurm diesen Wahn mit seiner Arbeit „Konfektionsgröße 50 zu 54“ voran, die ursprünglich in Buchform veröffentlicht wurde und nun Blatt für Blatt in einer langen Vitrine ausliegt. Zu lesen sind die Zutaten für die täglich mehrfachen Mahlzeiten bei größtmöglicher Untätigkeit und hohen Zimmertemperaturen, um das Körpervolumen innerhalb von acht Tagen beträchtlich zu steigern. Topfenknödel, Rindsgulasch, Sachertorte, Butternockerln, Suppe mit Leberknödeln, zum Frühstück „1 Kanne Kaukau“ liest man da und spürt, wie sich bei steigendem Appetit gleichzeitig die Kehle zuschnürt. Gekonnt spielt Wurm auch hier auf der Klaviatur einander widerstreitender Gefühle. „Bei Mutti“ lautet passend der bösartige Titel seiner Gesamtschau. Diese Mutter hätte gewiss ihre Freude daran, den Bub all diese klassischen österreichischen Köstlichkeiten verspeisen zu sehen, mag ihm die Hose auch platzen.

Schwabbelige Skulpturen sind verfettete Statussymbole

Wie tief die Verstörung reicht, war in den letzten Jahren auch anhand von Wurms dickleibigen Skulpturen zu sehen: Autos, Häuser, die zu schwabbeligen Skulpturen aufgepumpt waren, lauter verfettete Statussymbole. In der Berlinischen Galerie wendet sich der Bildhauer mit einer neuen Serie nun Alltagsgegenständen zu, die er monströs vergrößert und deren Materialität er irrlichternd verfremdet. Ein Kühlschrank erscheint gelblich wie Butter. Von dem Küchengerät ist ein Teil weggerutscht, als hätte jemand mit der Hand in eine nachgiebige Masse gedrückt. Oder ein gigantischer Cremespender mit dem Titel „Body“ wirkt wie aus verfestigter Bodylotion geformt, auch er ist seitlich vermatscht.

Form und Inhalt, Stofflichkeit und Bestimmung geraten hier in einen unauflöslichen Konflikt. Wurm sondiert die Möglichkeiten skulpturalen Schaffens mit den Mitteln des Surrealismus. Wie bei Max Ernst und Co. werden widersprüchliche Wirklichkeiten zusammengebracht, um einer verborgenen Wahrheit auf die Schliche zu kommen und zumindest eine Stimmung zu offenbaren.

Gleichwohl verdecken die klugen Absichten nicht die Banalität der neuesten Werke: ein Sessel mit Trittspuren wie im Schnee, ein Sideboard mit Abdrücken von Hufen. So lustig das auf den ersten Blick wirkt, hier zieht ernsthafte Gefahr für den smarten Bildhauer auf. Seine Skulpturen drohen, zum Parcours in einem besseren Themenpark zu geraten.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, bis 22. 8., Mi bis Mo 10 – 18 Uhr. Katalog (Prestel) 24,80 bzw. 39,95 €.

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