Berlinische Galerie : Gräben, Furchen, Stoppeln

Die Berlinische Galerie zeigt Porträtfotografie von neun Künstlern, darunter auch Birgit Kleber.

Johannes Metternich
Schau mich an. Cindy Sherman (2007).
Schau mich an. Cindy Sherman (2007).Foto: Birgit Kleber

„Das sind wir“ – selbstbewusst allumfassend kommt der Titel der Ausstellung über Porträtfotografie von 1996 bis 2013 in der Berlinischen Galerie daher. Und das zu Recht, denn die neun Künstler zeigen vielfältigste Weisen, sich dem Charakterbild zu nähern. Klassisch muten die Porträts von Birgit Kleber an, die sie für die Porträtreihe „Im Gespräch“ im Tagesspiegel zwischen 1996 von 2007 von Kulturschaffenden aufnahm. Die schwarz-weißen Frontalaufnahmen zeigen Gesichter ohne jegliche Kulisse oder Staffage. Kontrastreich richten sie den Blick auf die Charakterspuren des Gesichts, auf Gräben, Furchen, Stoppeln und Flecken, vor allem aber auf die Augen: Nach minutenlangem Fixieren der Kamera, so Klebers Regieanweisung, nahmen sie zum Zeitpunkt des Fotos einen immer eigenen Ausdruck an und füllen das Bild mit ihrer Stimmung: Sasha Waltz mit aufmerksamer Wachsamkeit, George Tabori mit nachsichtiger Milde, Moritz Bleibtreu mit fester Entschlossenheit.

Die Augen als „Spiegel der Seele“ thematisieren auch Max Baumanns Bilder: Sie zeigen die Gesichter abgekämpfter Eltern in den Dreißigern: wieder in schwarz-weiß, wieder in frontaler Nahaufnahme. Diesmal sind die Augen der Protagonisten jedoch wie im Schlaf geschlossen. Für einen Moment scheinen sie unberührbar, mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, frei von jedem Darstellungs- und Mitteilungszwang.

Schau mich an. George Tabori (1999).
Schau mich an. George Tabori (1999).Foto: Birgit Kleber

Diesen bürdet Michael Schäfer den Protagonisten seiner Bilder – vielsagend „Les Acteurs“ betitelt – bewusst auf. Er inszenierte „Schüler eines berühmten deutschen Eliteinternats“, so die Beschreibung der jugendlichen Protagonisten, in Businesskleidung und schicken Accessoires für ein fiktives repräsentatives Firmenfoto. Ausdruck und Haltung überließ er den Schülern und hielt sie durch wiederholte Aufnahmen dazu an, diese nach ihrem Geschmack zu verstärken. Das führt zu irritierenden Ergebnissen: In ein stereotypes, vorgeprägtes Selbstverständnis gedrängt, demonstrieren die Eliteschüler durch strenge Blicke und protzige Gesten ihr Verständnis von Führungskraft und machen sich zum Abbild dessen, was andere an sie herantragen.

Repräsentation einer anderen Art greift Verena Jaekel auf. Sie verwendet den Aufbau des traditionellen Familienporträts – der Vater steht wachend hinter der sitzenden Mutter, der Nachwuchs drumherum – für Bilder homosexueller Paare und ihre Kinder. Die Fotografin wirbt um Anerkennung für ein Familienmodell, das für viele längst normal ist. Familien anderer Art präsentiert Loredana Nemes mit ihren Gruppenporträts. Sie zeigt Jugendliche in ihren Cliquen, die in der Adoleszenz für jenen Zusammenhalt sorgen, den die eigentlichen Familien in diesem Alter häufig nicht bieten können. Boris Mikhailov mokiert sich über das hippe Image Berlins, dem er Straßenporträts von Wilmersdorfer Rentnerpaaren entgegenstellt, die aus der Zeit gefallen scheinen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, bis 21. März; Mi bis Mo 10 – 18 Uhr

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