Kultur : Berlins Chronist Eine Erinnerung an

den Grafiker Arno Mohr

Klaus Hammer
Foto: dpa Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
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Warum haben seine Blätter, die so impulsiv sind, eine so zarte Ausstrahlungskraft? Der 2001 verstorbene Berliner Nestor der Zeichnung und Grafik Arno Mohr hat nicht gern von Gefühlen gesprochen, wo er Disziplin am Werk wusste. Gleichwohl war eine hohe, reizbare Empfindsamkeit Voraussetzung für diese Arbeiten.

Viele hat er, der langjährige Lehrer für Naturstudium und druckgrafische Techniken an der Kunsthochschule Weißensee und Leiter der Grafik-Werkstatt, zeichnen und drucken gelehrt, die heute selbst anerkannte Künstler sind. Und doch sagte er von sich: „Meine Hochschule war und ist die Straße.“ Das spezifisch Berlinische ist für ihn, der sein Leben lang im Osten der Stadt zu Hause war, bestimmend: Er hat die Traditionslinie von Chodowiecki über Schadow, Menzel bis Liebermann und Zille fortgeführt. Das Liebermann-Wort „Zeichnen heißt Fortlassen“ hat Mohr in Form umgesetzt. In der fast spielerischen Ungezwungenheit, der scheinbar flüchtigen, oft als Bildstenogramme hingesetzten Zeichnung verbarg sich ständige Lebensbeobachtung: „Ich habe mit den Augen mehr noch gezeichnet als mit der Hand.“ Das spannungsvolle Zueinander von gezeichneter und freier Fläche hatte noch der hochbetagte Künstler mit Tafelbildern zu demonstrieren gewusst. Doch ein Monumentalist war er nie. Er, der heute vor hundert Jahren geboren wurde, blieb der Meister der kleinen Form. Noch bis Sonnabend zeigt die Berliner Galerie Eva Poll (Anna-Louisa-Karsch-Str. 9) eine Auswahl seiner Arbeiten.

Eine eigene Stellung nehmen die mit Feder, Kreide, Kohle hingeschriebenen, auch als Litho gestalteten Porträtskizzen der Weigel, Brecht, Hanns Eisler ein. Immer wieder hat er tägliche Verrichtungen und das häusliche Umfeld der Menschen ins Auge gefasst. „Berlinerisch finde ich es, in seinem Quadrat, in seinem Bereich zu bleiben, von dem man etwas versteht“, war seine Überzeugung.

Sein Weg führte ihn zu den Berliner Kneipen, Kaffeehäusern und Gartenlokalen an der Spree, vom S-Bahnhof Hackescher Markt und der Weidendammer Brücke zur Oranienburger Straße, Chausseestraße und Unter den Linden, von der Friedhofsecke und dem Rummelplatz in Alt-Berlin zur Museumsinsel mit ihren imponierenden Bauten. Er nahm den „einsamen Mann“ wie einen dunklen Punkt in der unendlichen Horizontale der Landschaft wahr, beobachtete aus der Ferne die „kleine Unterhaltung“ zweier Frauen, winzigen Figuren auf dem „leeren“ Blattweiß, den Ausflugsdampfer auf dem Müggelsee, die „Kiefern am See“, Weite und Kargheit der märkischen Landschaft demonstrierend. Er komplettierte die Szene nicht zum Genrebild. Ihm genügte ein fragmentarischer Stil, oft eine Minimalgeste. Nicht nur die Sujets, die Blätter selbst müssen behütet werden. Klaus Hammer

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