Kultur : Berlins Keramik-Museum erinnert an den großen Ton-Meister

Sonja Bonin

Nur zwei Dinge zählen: Farbe und Form. Zumindest bei einer Plastik. In beidem hat es Jan Bontjes van Beek zu so großer Meisterschaft gebracht, dass er zu den bedeutendsten Keramikern des 20. Jahrhunderts gerechnet wird. Geboren vor hundert Jahren in Jütland, hat er ein richtungsweisendes Werk hinterlassen, das vor allem durch exklusive Glasuren hervorsticht. Das Museum für Angewandte Kunst Gera widmete van Beek - Freunde nannten ihn kurz "Bontjes" - eine Ausstellung, die nun - durch zahlreiche Exponate des Berliner Keramik-Museums und einen Zusatzkatalog ergänzt - in der Großen Orangerie des Schloss Charlottenburg zu sehen ist.

Im lichtdurchfluteten Schlossflügel hat Heinz-Joachim Theis, der Leiter des nach wie vor unbeheimateten Keramik-Museums Berlin, die Vitrinen mit Unikaten und Kleinserien in chronologischen Abschnitten bestückt. Aus der Zeit des "jungen" van Beek, seiner Schaffensperiode in der Künstlerkolonie Worpswede und in seiner ersten, der Fischerhuder Werkstatt, sieht man neben der Skulptur "Tänzer" aus dem Jahr 1925 vor allem Irdengut mit Unterglasurmalereien, Vasen, Kummen, Schalen und Henkelgefäße. In den frühen 30er Jahren begann van Beek mit dem Brennen von Steinzeug. Die nun entstehenden Objekte zeigen bereits Ansätze seiner ganz eigenen, schnörkellosen Formgebung. Die Veränderungen in der farblichen Gestaltung während dieser Jahre, metallisch changierende Glasuren, die minimalistische Ornamentik eines Lampenfußes, dessen zartgrauer Überzug von Reduktionsrissen wie von weißen Blitzen durchzuckt wird, zeigen van Beeks reges Experimentieren mit neuen Glasuren und Techniken, die seine Objekte aus sich selbst heraus wirken lassen. Vehement hat van Beek sich immer gegen alles rein Dekorative gewandt; seine Keramiken weisen stets auf ihre Funktionalität. Die Vasen sind so gebildet, dass sie bei aller künstlerischen Kreativität doch stets etwas Handfestes haben. Auch die zierlichen, schlanken Formen, zu denen Bontjes in den 50ern und 60ern tendiert, behalten sozusagen Bodenhaftung.



Durch einen Auftrag des Architekten Fritz Höger kommt van Beek 1932 nach Berlin und lernt seine zweite Frau Rahel kennen, die sich ab 1935 - als Architektin durch die Nürnberger Gesetze mit Berufsverbot belegt - dem Management der Künstlerwerkstatt widmet, was zu deren wachsender Bekanntheit beigetragen haben dürfte. Van Beek ist überzeugter Marxist und Nazi-Kritiker. In seiner Werkstatt finden zuweilen mehrere Juden Arbeit, während er aus finanziellen Gründen auch Aufträge fürPartei und Ministerien auführt. Van Beeks Tochter aus erster Ehe, Cato, wird 1943 wegen ihrer Mitarbeit in der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" in Plötzensee hingerichtet. Im selben Jahr zerstört ein Bombenangriff das Berliner Atelier. 1946 baut van Beek an der neugegründeten Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee die Keramik-Klasse auf, lehrt dort und ist 1947 bis 1950 Rektor der Schule im sowjetischen Sektor der Stadt. In der aufkommenden Formalismus-Debatte bezieht er nicht eindeutig genug Stellung, äußert sich kritisch gegenüber dem Kommunismus, wird zwangsbeurlaubt und verlässt schließlich die Schule, gefolgt von Bernhard Heiliger und etlichen anderen Kollegen.



Nach jahrelanger fast ausschließlicher Lehrtätigkeit wird van Beek nun selbst wieder produktiver. Er wechselt (1953-1958) als Direktor an die Meisterschule für das Kunsthandwerk in Berlin-Charlottenburg und beginnt, Serien für die industrielle Massenproduktion zu entwerfen. Auch die Porzellanfabrik Rosenthal nimmt van Beek-Formen in ihr Programm. Aus dieser und der letzten Schaffensperiode van Beeks an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg - 1960 folgte er einem Ruf als Leiter der Keramikklasse in der Nachfolge Otto Lindigs - stammen die Arbeiten, die heute das Profil des Künstlers am stärksten prägen. Hier finden sich die zeitlosen, hochgezogenen Formen in mattem Schwarz und Weiß, deren Produktion erst 1981 eingestellt wurde, neben exotischeren Form- und Farbexperimenten aus der Hamburger Zeit. Nach wie vor praktisch nutzbar und voluminös, wurden seine Keramiken jetzt eckiger, Fuß oder Sockel betont und von der Glasur ausgespart, die Halskanten scharf abgesetzt. Als der Schah von Persien mehrere Tausend kleiner Vasen bestellen wollte, hat Bontjes - so wird es überliefert - den Prototyp in einem Wutanfall an die Wand geschleudert.

Die Prägnanz der Form steigert sich in van Beeks letzten Arbeitsjahren dahin, dass er immer häufiger auf die reinen stereometrischen Figuren Kugel, Zylinder, Kubus und Konus zurückgreift. Feine Craquelée-Muster, schuppige Sprünge oder eingesprenkelte Farbspritzer vor dem Hintergrund sanfter Ton-in-Ton-Übergänge, lösen nun immer häufiger die Technik ab, die van Beek geradezu perfekt beherrschte: gezielt verlaufende Glasuren. Als Jan Bontjes van Beek 1965 nach Berlin zurückkehrte, war er bereits krank. In den folgenden zwei Jahren enstanden hier seine letzten Keramiken, und hier ist der Tropfenfänger vor dreißig Jahren gestorben.Große Orangerie im Schloß Charlottenburg

bis 26. September; Dienstag bis Mittwoch

11-21 Uhr. Katalog 49,80 Mark.

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