Kultur : Berlins Neue Gemäldegalerie - ein Lieblingsbild (1)

HEINZ BERGGRUEN

Am 12.Juni eröffnet der Bundespräsident Roman Herzog im Rahmen eines Festaktes die Neue Berliner Gemäldegalerie mit Sitz am Kulturforum.Weit über tausend Gemälde werden darin nach fünfzigjähriger Trennung aus Ost und West, von der Museumsinsel und aus Dahlem, wieder zusammenführt.Der Tagesspiegel hat eine Reihe Autoren gebeten, im Rahmen einer heute beginnenden Serie ihrer Vorfreude auf ihr "Lieblingsbild" Ausdruck zu verleihen.Den Bilderreigen eröffnet der vor zwei Jahren nach Berlin wieder heimgekehrte Kunstsammler Heinz Berggruen, der am heutigen Tag seinerseits eine Klee-Ausstellung im Stülerbau präsentiert.Am 14.Juni aber wird die Neue Gemäldegalerie für alle Besucher zugänglich sein.Freuen wir uns also schon jetzt darauf!

Im Stülerbau in Charlottenburg, in dem meine Picassos hängen, werde ich oft gefragt, welches mein "Lieblingsbild" sei.Eine schwierige, vielleicht wohl auch nicht ganz berechtigte Frage.Vor ein paar Tagen traf ich in der Villa Grisebach in der Fasanenstraße einen Herrn, der stolzer Vater von 11 (elf!) Kindern ist - und zudem noch alle von der gleichen Frau.Wäre es angemessen, ihn zu fragen, welches sein "Lieblingskind" sei? So etwa geht es mir auch mit meinen Bildern.Zur Enttäuschung mancher, die es wissen wollen, antworte ich im allgemeinen, ich hätte nicht ein "Lieblingsbild", sondern mehrere, vielleicht zehn oder elf, so wie der nette Herr aus Wiesbaden sicher auch nicht nur ein Kind hat, das er den anderen vorzieht.

Aber ich soll ja von meinem "Lieblingsbild" in der neuen Gemäldegalerie im Kulturforum erzählen, und das fällt mir nicht leicht.Um es ganz offen zu sagen, fällt es mir deshalb so schwer, weil ich mit den Werken in der Gemäldegalerie am Kemperplatz keineswegs so vertraut bin, wie man es eigentlich sein sollte, wenn man sich primär mit bildender Kunst befaßt.1936 ging ich aus Berlin in die Emigration nach Amerika, und so blieb mir die Gemäldegalerie in Berlin, aufgeteilt zwischen Ost und West, jahrelang verschlossen.

Im Louvre - seit über vierzig Jahren lebe ich in Paris - kenne ich mich recht gut aus.Auch die Schätze des Prado, des Kunsthistorischen Museums in Wien mit den prächtigen Brueghels habe ich oft bewundert, ebenso die Alten Meister in der National Gallery in London, in der meine Sammlung Klassischer Moderne fünf Jahre lang ausgestellt war, bevor sie 1996 nach Charlottenburg kam - aber Berlin? Als ich vor zwei Jahren in meine Heimatstadt zurückkehrte, erschien mir unlogischerweise (aber so ging es vielen) Dahlem weit entfernt von Berlin, und ich wartete gespannt darauf, daß das Kulturforum inmitten der Stadt recht bald durch die neue Gemäldegalerie bereichert würde.Das ist nun glücklicherweise geschehen.Inzwischen hatte ich Gelegenheit, eine Reihe von bedeutenden Bildern am neuen Standort zu sehen, und es ist mir bewußt geworden, daß der unerhörte Reichtum der Gemäldesammlung in Berlin jeden Vergleich aufnehmen kann mit den großen europäischen Museen.

Wenn ich ein besonderes Bild nennen soll, dann ist es eines von Lucas Cranach dem Älteren, das mich fasziniert.Cranachs Werk, wie überhaupt die frühe deutsche Kunst - man denke nur an Dürer - ist in der Gemäldegalerie maximal und höchst eindrucksvoll repräseniert.Cranachs prächtiger Frauenakt, sein überdimensionaler surrealistischer "Jungbrunnen", die ergreifende "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten" mit den vielen Putten und der tiefgründigen, in die Romantik weisenden Baumkulisse - das alles sind Werke, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Aber das Bild, das mich besonders bewegt, ist Cranachs Darstellung von David und Bathseba.Es beschäftigt mich gewiß deshalb so sehr, weil es zu den Werken gehört, die bei Picasso in seinem eigenen Oeuvre einen starken Widerhall fanden und ihn immer wieder anregten, die Kunst von Velasquez, von Poussin und Delacroix, von Courbet und Manet und, wie gesagt, auch von Cranach in seine eigene, persönliche und eigenwillige Sprache zu übersetzen.

Im Gegensatz zu Matisse, den die Allgier (wie Alfred Kerr sagen würde) schon in jungen Jahren nach Nordafrika, später dann nach Nordamerika und sogar in die ferne Südsee trieb, war Picasso kein großer Reisender.Deutschland wie auch Österreich hat er nie betreten.Cranachs herrliches Frauenportrait im Kunsthistorischen Museum in Wien, das ihn zu einem seiner schönsten farbigen Linolschnitte anregte (der übrigens in meiner Sammlung hängt), hat er so wenig gesehen wie die biblische Darstellung von David und Bathseba aus dem Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin.Von beiden Bildern besaß er nur farbige Postkarten, aber das genügte, um ihn zum Schaffen eigener Interpretationen zu inspirieren.

Bei David und Bathseba hat Cranachs Bild Picasso zu einer Folge von schwarz-weißen Lithographien in nicht weniger als zehn oft stark voneinander abweichenden Zustandsdrucken angeregt, die den großen Spanier, mit Unterbrechungen natürlich, über zwei Jahre beschäftigten, von März 1947 bis Mai 1949.Die eher strenge und verhaltene, geradezu feierliche Darstellung des deutschen Meisters wird bei Picasso in eine sehr viel unruhigere, nervöse Bildsprache verwandelt.

Bei Cranach erscheint König David eher schlecht gelaunt und gleichzeitig gierig, Bathseba dagegen bleibt unberührt und sittsam in sich gekehrt; vergebens sucht man nach einer symbolischen Bedeutung ihrer Fußwaschung.(Käme man auf den Gedanken, in der Beziehung zwischen dem königlichen homme à femmes und der jungen Frau, die er zum Schluß verführt, eine Situation zu sehen, die in unserer Zeit weltweit die Medien zu beschäftigen scheint? War die Handlungsweise des alttestamentarischen Königs als politisch "korrekt" anzusehen, auch wenn er eindeutig Ehebruch beging?)

Bei Cranach erscheint David so in das Spiel seiner Leier vertieft, daß er die schöne Bathseba bei ihrer Waschung kaum bemerkt - oder doch? Bei Picasso, seit eh und je intimst vertraut mit den komplexen und oft dramatischen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, ist das schon anders.Davids Interesse an der jungen Dame steigert sich hier von einem Druckzustand zum anderen, die Atmosphäre nimmt an Intensität ständig zu und wird dabei von einer Spannung erfüllt, welche den Ausgang der Begegnung durchaus erahnen läßt.

Heinz Berggruen lebt als Mäzen und Kunstsammler in Paris und Berlin.

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