Berlins wichtigster Theaterkritiker : Der Berliner aus Wien

Wer war Berlins bedeutendster Theaterkritiker? Unser Autor macht sich auf die Suche.

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Eines der berühmtesten Zitate von Alfred Polgar. Es hängt an der Pinwand des Instituts für vergleichende Irrelevanz in Frankfurt am Main.
Eines der berühmtesten Zitate von Alfred Polgar. Es hängt an der Pinwand des Instituts für vergleichende Irrelevanz in Frankfurt...Foto: Emily Wabitsch

Wer Berlins bedeutendster (Theater-)Kritiker war, darüber lässt sich streiten. Nach 1945 hatte Friedrich Luft in der geteilten Stadt sicher die größte Leser- und Hörerschaft. Darüber hinaus wirkte er nur begrenzt. Eine Jahrhundertfigur würde man eher unter den flirrenden Geistern der ersten Hälfte des Dezenniums suchen. In den Hochzeiten der Weimarer Republik und der weithin ausstrahlenden Hauptstadtszene gab es ein trio triomphale: Alfred Kerr, Herbert Ihering, Alfred Polgar.

Kerr war der energisch Wirkungsmächtigste, dabei elegant und pointiert. Er erkannte viele(s) und verkannte Brecht, den mochte er nicht. Ihering war in der faktischen Szenenschilderung anschaulicher und ein Apostel Brechts, auch weil er oft dramaturgischer als publizistisch dachte. Bös hieß es, „Ihering sprüht Leder“. Bei Verrissen nicht so offen polemisch wie Kerr schrieb Alfred Polgar, doch stand er ihm an stilistischer Meisterschaft nicht nach. Kerr, der Berliner aus Breslau, Polgar, der Wiener in Berlin, sie waren auch Literaten. Marcel Reich-Ranicki, der in den 1980er Jahren Polgars (zahlreiche) „Kleine Schriften“ in sechs Bänden zusammen mit Ulrich Weinzierl bei Rowohlt herausgegeben hat, sah in ihm sein Vorbild – obwohl MMR’s eigene Klinge meist nicht so fein geschliffen war wie die Polgars.

1873 in Wien geboren, 1933 der Nazis wegen aus Berlin nach Prag, dann zurück nach Wien und 1938 über Paris nach Hollywood geflohen, ist Alfred Polgar 1955 in Zürich gestorben. Beinahe wäre es ihm dabei ergangen, wie er es einmal zum Ableben und Vergessenwerden soeben noch prominenter Autoren notierte: „Die Toten sterben rasch.“

Polgar ist Adrenalin für Geist und Geschmack

Immerhin wurde ihm früh ein Welterfolg gleichsam mittelbar zuteil, als er Ferenc Molnárs schlawi(e)nernde Vorstadtkomödie „Liliom“ 1912/13 aus dem Ungarischen erst ins Deutsche und die Handlung dann von Budapest in den amourös-desaströs bekannteren Wiener Prater übertragen hatte.

Polgar aber ist noch heute als Adrenalin für Geist und Geschmack zu empfehlen. Zum verführenden Einstieg kann da sein einst berühmtes „Handbuch des Kritikers“ dienen, das in der Wiederauflage von 1980 weiterhin lieferbar ist.

Aus dieser aphoristischen Labsal, nicht nur für Kritiker, ein paar Kostproben: „Das Genie geht glatt durch Mauern und stößt sich wund an der Luft.“ Oder zum Stichwort „Zeittheater“: „Es wird gefordert, dass die Bühne, Spiegel und Chronik der Zeit, mithelfe, die Welt vom Übel zu erlösen. Solcher Zweck heiligt die Mittel, sogar deren Abwesenheit.“

Etwas umfänglicher wäre im zweiten Lektüreschritt nun „Alfred Polgar. Das große Lesebuch“, eine 2004 erschienene Auswahl von Harry Rowohlt.

Ein neues Buch ist vor Kurzem erschienen

Hieraus etwas von 1922/29, zu Polgars zwei Heimatstädten: „Berlin, lautes, eckiges, liniertes, zerfilmtes Berlin, unsüße, unbarmherzige, scharfe, gierig wollende, mit Zähnen und Fäusten das Leben haltende und zwingende Stadt, ich denke liebevoll dein, wieder hinabgetaucht in die Stadt voll Staub und Wunden, in das fidele Grab an der Donau, in die gemütlichste Katakombe Mitteleuropas, wo man, dass Leben ist, nur an der Erschütterung der Decke merkt.“

Und noch ein jüngster Tip. 1938 hat Polgar als Exilant das Porträt einer anderen Exilantin verfasst, die damals freilich die höchstbezahlte Schauspielerin der Welt war. Nun ist das nach einem Dreivierteljahrhundert zum ersten Mal zu lesen: Alfred Polgar „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, ediert und klug kommentiert von Ulrich Weinzierl, der den Text in New York entdeckt hat. Polgar hatte schon Marlene Dietrichs Anfänge als Theaterrevuegirl erlebt und war dem Star, der ihn später als armen Emigranten gelegentlich finanziell unterstützte, fast freundschaftlich nah. So ist das Porträt eine anschauliche Nahaufnahme, aber nie zudringlich, auch nicht im zeitgeschichtlich interessanten Interview mit der Diva 1937. Etwas für Liebhaber – von Polgar und Marlene.

Literaturempfehlungen:

Handbuch des Kritikers, Zsolnay Verlag, Wien, 120 Seiten, 13,90 Euro

Bild einer berühmten Zeitgenossin, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 159 Seiten, 17,90 Euro

Marlene. Alfred Polgar. Das große Lesebuch, Rowohlt-Taschenbuch, 432 Seiten, 10, 99 Euro

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