Kultur : Bern oder Beckham

Uraufführung im Grips-Theater: „Der Ball ist rund“ von Thomas Ahrens, ein Stück über die Globalisierung

Rüdiger Schaper

Fußball ist alles. Etwa nicht? Zur Erklärung der Welt taugt er allemal. Wir sehen es jetzt im Kino. „Kick it like Beckham“ und „Das Wunder von Bern“erzählen märchenhafte Emanzipationsgeschichten aus höchst unterschiedlichen Perspektiven: Fußball als Ticket in die große weite Welt.

Wie klein und bedrohlich aber diese Welt ist, davon will das neue Stück im Grips-Theater erzählen. „Der Ball ist rund“: Der Titel zitiert den altehrwürdigen Sepp-Herberger- Spruch und erinnert an eine Zeit, als der Fußball (so wollen wir’s mal glauben) noch hauptsächlich eine Ehrensache von elf Freunden war. Wir sind in einer Berliner Gesamtschule, deren Mannschaft erfolgreich aufspielt. Und die schon einen Star hat, Nico Wenzel. Ein internationaler Sportartikel-Konzern gibt dem Jungen einen Werbevertrag und will auch gleich (nach amerikanischem Vorbild) die ganze Schule sponsern. Nico schwebt auf Wolke sieben, weil er – ein Glück kommt selten allein – auch das Herz der süßen Klassenkameradin Hira erobert hat. Da beginnt der Stress.

Das Grips-Theater selbst ist mit seinen Tourneen und internationalen Verbindungen schon lange ein global player. Es war auch immer mutig, wenn es darum ging, Themen aufzugreifen, die in der Luft liegen. Hier lautet die entscheidende Frage: Wie kriegt man das Phänomen der Globalisierung, deren Wesen es ja auch ist, sich jeglichem Zugriff zu entziehen, in eine theatralische Form? Wie stellt man das, was Naomi Klein („No Logo“), die Vordenkerin der Globalisierungsgegner, als „Tyrannei der Marken“ bezeichnet, für „Menschen ab 10“ dar?

Thomas Ahrens, seit Jahrzehnten Schauspieler und Autor beim Grips, eröffnet das Match der Schüler gegen den Gigas-Konzern mit einem alten Trick. Theater auf dem Theater, bei Brecht gelernt: Die Kids studieren während einer Projektwoche eine Globalisierungs-Show ein. Weil sie Schule in der Schule spielen, dürfen Autor Thomas Ahrens und Regisseur Rüdiger Wandel mit der nötigen Selbstironie auch streng pädagogisch werden. Wir lernen, wie eine Jeans (als Baumwolle, als Garnrolle, als Stoffballen) durch die Welt reist und eine breite Spur von Ausbeutung und Umweltzerstörung nach sich zieht, ehe sie bei uns im Laden liegt. Das ist entwaffnend witzig – und nachher schnappt doch mal die Globalisierungsfalle zu. Wenn die Sache mit dem bösen Kapitalismus zu einfach wird – oder zu schwierig für das Kinderpublikum.

Der Plot wackelt, aber er hält. Hira, das indische Mädchen, wird ihren Träumer Nico mit radikalem Protest und Recherchen im Internet überzeugen, dass Geld und Klamotten von Gigas nicht selig machen. Katja Hiller und Jens Mondalski spielen das Traumpaar mit einer Lust und Rasanz, wie man sie nur vom Grips kennt. „Der Ball ist rund“ versucht fast Unmögliches: zu unterhalten und aufzuklären, bei dem Stoff. Blitzschnelle Szenenwechsel auf der Multifunktionsbühne von Mathias Fischer-Dieskau, Rap und Rock (von George Kranz, Axel Kottmann und Beathoven), und das schwere Heimspiel gegen den auswärtsstarken Konzern wird doch knapp gewonnen – dank der anarchistischen Komiker Igel und Chips (Christian Giese) und Knoppers (Frank Engelhardt). Und mit und gegen die bewährt lernfähige Grips-Eltern-und Lehrerschaft Michaela Hanser, Dietrich Lehmann und Thomas Ahrens (der Autor in der Rolle des Sportlehrers und Advocatus Diaboli). Eine runde Sache, mit ein paar Ecken.

Wieder heute um 10, morgen um 16, am Montag um 10 Uhr.

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