Kultur : Bernd Kauffmann im Interview: Mit Celan und Heiner Müller in den MIG-Bunker

Herr Kauffmann[fast zehn Jahre waren Sie in Weima]

Bernd Kauffmann, 56, war nach einer Laufbahn im niedersächsischen Kultusministerium von 1992 an Präsident der Stiftung Weimarer Klassik. Ein Jahr später übernahm er auch die Intendanz des jährlichen Weimarer Kunstfestes und leitete von 1996 bis 1999 die Kulturstadt Europa GmbH in Weimar. In dieser Woche beginnt er seine Arbeit als Generalbevollmächtigter der Schlossanlage Neuhardenberg im Nordosten Brandenburgs. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband will hier ein Zentrum für Kultur, Wissenschaft und Wirtschaftsethik mit internationaler Ausstrahlung errichten.

Herr Kauffmann, fast zehn Jahre waren Sie in Weimar Kulturpolitiker und Kulturmanager. Ihr Vertrag als Präsident der Stiftung Weimarer Klassik lief noch über acht Jahre. Warum gehen Sie jetzt weg?

Ich habe mich weder als Kulturpolitiker oder nur als Manager verstanden. Aber nach neun Jahren sollten das jetzt andere mit anderen Sichtweisen tun. Nichts ist so schlimm, wie an einem kleinen Ort die ständige Fortsetzung seiner selbst zu betreiben.

Ist es nicht eher so, dass die Sichtweisen der Politik sich geändert haben?

Die Landesregierung sagt heute, nach dem Europäischen Kulturhaupstadt-Jahr, dass Weimar sich wieder auf Normalmaß zu bewegen habe. Das wäre aber falsch. Weimar muss grundsätzlich als etwas Besonderes behandelt werden. Das ist eine Stadt mit internationaler Bedeutung, der entscheidende Anstoß dafür, dass Thüringen kulturell wahrgenommen wird.

Weimar vereinigt den Glanz und Schrecken der deutschen Geschichte. War das die eigentliche Herausforderung für Sie?

Ja. Die Spaltung von Buchenwald und Weimar, die ist heute beendet. Das haben wir geschafft. Für die Stadt, die Verwaltung, die Bürger ist es heute selbstverständlich, dieses Weimar in seiner Doppeldeutigkeit zu sehen. Das war, als ich 1992 anfing, nicht so.

Was genau hat sich seitdem geändert?

Der Umgang mit der Person des Buchenwald-Direktors Knigge zum Beispiel. Der ist heute ein Teil der Stadt und kommt in der Stadt auch zu Gehör. Sie sehen das auch an Theaterspielplänen. Buchenwald und das Thema des heutigen Rassismus, des heutigen Terrorismus, ist in Weimar kontinuierlich virulent geworden. Das zeigt sich etwa, wenn die NPD etwas in Weimar machen will. Die Stadt wehrt sich massiv dagegen.

Wie haben denn die Stiftung Weimarer Klassik und das Kulturhauptstadtprogramm hierzu beigetragen?

Zum Beispiel mit der Zeitschneise, die wir vom KZ auf dem Ettersberg zum Schloss Ettersburg, einem Kreativzentrum der deutschen Klassik, geschlagen haben. Wir sind für geisteskrank gehalten worden, als wir begannen, die ersten Bäume zu fällen und das Gebüsch zu roden. Heute ist die Schneise immer noch da, und auch die Besucher gehen dorthin, ohne dass Werbung dafür gemacht werden muss. Oder wir haben Rebecca Horn gebeten, oben im Schloss Ettersburg, gewissermaßen spiegelverkehrt, mit Blick auf das KZ eine sehr leichte Arbeit zu machen, und das Grauen vom Berg nach unten in die Stadt zu holen. Sie hat hier in einem Straßenbahndepot vor eine große Aschwand eine fahrende Buchenwaldlore aufs Gleis gesetzt, und vor der Lore liegen zerstörte Musikinstrumente: Geigen, Mandolinen, Gitarren - Konzert für Buchenwald heißt das, und wird dort bleiben.

Aber Sie sind auch mit Vorhaben gescheitert.

Ja, wir wollten einen zentralen Platz in Weimar von Daniel Burren gestalten lassen. Burren arbeitet mit Stelen. Das war alles vorbesprochen mit der Stadt, Oberbürgermeister und Dezernenten, alle waren dafür, der städtische Beirat der Architekten hat das hochgelobt, als sich ein ungeheurer Bürgerprotest erhob. Die haben 20 000 Unterschriften gesammelt, weil sie in dem Kunstwerk eine unzulässige Buchenwaldisierung ihrer Stadt gesehen haben. Die Stelen seien die Marterpfähle, hieß es. Darüber schwebte aber der Vorwurf, dass wir die Stadt mit heutiger Kunst zustellen, ohne dass die Stadt das will. Und dann fiel der OB um.

Die Bürger haben gewonnen.

Letztlich war es gut. Wir sind da unterlegen, es war teilweise auch gewalttätig, aber wir haben erreicht, dass die Menschen in der Stadt sich plötzlich mit Erfolg gegen etwas gewehrt haben. Damit ist in Weimar so etwas wie Bürgerbeteiligung überhaupt erst entstanden.

Ausgerechnet den Moment, in dem Ihnen Widerstand konservativster Art geleistet wurde, deuten Sie als emanzipatorisch?

Das tue ich aus heutiger Sicht. Denn seitdem und dadurch ist viel passiert. Die Bauhaus-Universität hat zum Beispiel zwei Umfragen gemacht, eine kurz vor dem Kulturstadtjahr und eine im Herbst 1999. In der letzten Umfrage steht drin, dass die Weimarer es toll fanden, Internationalität und Anspruch in die Stadt zu holen. Ein Jahr davor haben die noch gesagt, das ist alles Quatsch, das ist elitär und bringt Weimar überhaupt nichts.

Der Sparkassen- und Giroverband, der in Weimar die Gartenhaus-Kopie bezahlt hat, holt Sie nun nach Neuhardenberg.

Ja. Den Verbandspräsidenten, der mich gefragt hat, kenne ich noch aus Niedersachsen.

Was haben Sie in Neuhardenberg vor?

Ich habe von diesem Objekt zum ersten Mal vor einem dreiviertel Jahr gehört. Damals war schon klar, dass der Sparkassenverband dort etwas machen wollte. Man hat das Schloss Mitte der neunziger Jahre gekauft und etwa 120 Millionen Mark investiert. Seinerzeit war es gedacht als Tagungsstätte für den Verband. Aber dann hat man sich gefragt, ob man das Haus darüber hinaus nicht auch ganz anders verstehen kann: Was ist eigentlich mit dem Schloss-Ensemble, auch mit Blick auf die kulturelle Beglaubigung der EU-Erweiterung Ost möglich?

Die Kulisse ist ja schon da.

Etwa 700 Meter vom Schloss entfernt stand zu DDR-Zeiten die Honeckersche Flugbereitschaft, es gibt einen großen Hangar, Bunker für die MIG-Kampfflugzeuge. Anfang der 80er Jahre haben sich die Minister und Generäle des Warschauer Paktes hier getroffen, um zu entscheiden, ob sie wegen der Solidanosc-Bewegung in Polen einmarschieren. Der Ort der letzten Schlacht vor Berlin, die Seelower Höhen, ist in der Nähe, auf dem Schlossgrundstück steht das sowjetische Ehrenmal dafür. Hier haben die sowjetischen Soldaten 1945 mit dem einbalsamierten Herz von Hardenberg Ball gespielt. Das ist kontaminiertes Gelände, so etwas liebe ich! Es gibt auch die Geschichte vom letzten Hardenberg, der zu den Widerständlern vom 20. Juli gehörte, dessen Selbstmord scheiterte und der danach nach Sachsenhausen kam. Wie er zurückkam nach Kriegsende mit einem anderen KZ-Häftling des Ortes, der dann Bürgermeister wurde und Hardenberg gesagt bekam, preußische Junker wollen wir nicht, du musst weg: Das sind ja nicht nur kleine Geschichten.

Brückenschläge zum Osten Europas, das sind Aufgaben, die auch zahlreiche Berliner Institutionen für sich in Anspruch nehmen. Wie wollen Sie sich da in einem Schloss 70 Kilometer vor Berlin positionieren?

Es geht nicht nur um die Brücke zum Osten. Das wird ein Teil. Aber Ihre Frage kann ich Ihnen heute noch nicht genau beantworten. Ich bin doch noch gar nicht da. Wir wollen auch die Berliner dazu bringen, zu sagen, so habe ich das noch nicht gesehen oder gehört. Ein Beispiel: Unbeschadet, dass wir im September mit einer Ausstellung zu preußischen Tugenden eröffnen werden, arbeiten wir für das nächste Jahr an einer Ausstellung zum Thema "Stalins Wäsche", die modifiziert schon in Petersburg zu sehen war. Es geht um Unterwäsche zu Stalins Zeiten.

Wessen Unterwäsche? Die der politischen Klasse, man hat doch nicht die Unterhosen Berijas konserviert?

Nein, die der Menschen, aber das ist nicht weniger desaströs und weist auf anderes. Die Frage ist: Können wir damit andere Aspekte des Stalinismus aufhellen?

Mit der Unterwäsche?

Nein, damit, sich mit dem Thema Stalin einmal ganz anders zu befassen, es überhaupt noch einmal aufzurufen. Wir überlegen auch, Menschen zu verlocken, sich einmal Theaterproduktionen hier im MIG-Bunker auszusetzen. Hierbleiben sollen sie, sich am nächsten Morgen noch einmal in einer anderen Form mit dem auseinandersetzen, was sie hier gesehen haben. Deshalb gibt es auch ein Hotel mit 54 Zimmern im Schloss. Wir wollen nicht hektisch in zwei Stunden eine Veranstaltung abfahren. Für mich ist das eine Notwendigkeit, bei all dem Beschleunigungswahnsinn.

Ein theatralisch gesteigertes Schloss Elmau also?

Aber nicht so esoterisch besetzt! Und mit größerer Intensität.

Denken Sie an Kooperationen, Koproduktinen mit Berliner Institutionen?

Ja, selbstverständlich.

Werden auch die Menschen aus der Region Ihr Publikum sein?

Das hoffe ich. Sie müssen sich mit den Köpfen, in deren Mitte sie sich bewegen, auseinandersetzen. Sie müssen versuchen, sich mit der Region zu vernetzen, ob kulturell, oder künstlerisch oder intellektuell, mit den Dingen umgehen, die dort virulent sind. Ohne das wird es nicht funtionieren. Jetzt fragen Sie mich bitte nicht, wie das geht. Sicher nicht mit bierseliger Anbiederei. Von Weimar her weiß ich, dass die kulturelle Unterforderung von Menschen gern betrieben wird, aber sträflich ist.

Wie hoch ist Ihr Etat?

Großzügig. So großzügig, um nichts in den Sand zu setzen. Wir werden uns um viel zu kümmern haben, von Park und Hotel über Ausstellungen bis hin zum Theater, zum Tanz, und zur Musik. Insgesamt werden wir etwa 50 Leute sein.

Wer führt die Geschäfte?

Ich selber. Ich werde ein Kuratorium zur Seite haben, dem der Präsident des Sparkassenverbandes vorsitzen wird. Der russische Kulturminister Michail Schwydkoj wird wohl auch Mitglied sein.

Wollen Sie da auch Julian Nida-Rümelin drin haben?

Ich fände das sinnvoll und wünschenswert. Auch die Frage, wie wir das sogenannte Weimarer Dreieck, Frankreich, Polen, Deutschland, kulturell integrieren, müssen wir uns überlegen.

Wenn Sie einen Wunsch hätten, wenn Sie sich für Neuhardenberg etwas wünschen dürften, was wäre das?

Zum Beispiel, dass sich der Theatermacher Klaus Michael Grüber in den MIG-Bunkern, im Hangar daneben und auf dem Flugfeld mit Texten von Paul Celan oder Heiner Müller auseinandersetzt.

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