Kultur : Bernd Wilms im Gespräch: "Ich kann ganz gut die Klappe halten"

Herr Wilms[Sie übernehmen das Deutsche Theat]

Bernd Wilms nach der Präsentation seines Spielplans vor dem Deutschen Theater Berlin. Der 1940 in Solingen geborene Dramaturg war Intendant in Ulm, leitete die Münchner Falckenberg-Schule und ist seit 1994 Chef des Maxim Gorki Theaters, wo er mit Inszenierungen wie "Berlin Alexanderplatz" mit Ben Becker und "Der Hauptmann von Köpenick" mit Harald Juhnke große Publikumserfolge hatte. Als Nachfolger von Thomas Langhoff am DT eröffnet er mit Wiederaufnahmen von Langhoff-Inszenierungen ("König Lear", "Die Möwe"). Die erste eigene Premiere soll am 20. September "Bluthochzeit" sein.

Herr Wilms, Sie übernehmen das Deutsche Theater in einem kritischen Zustand. Wie gehen Sie mit dem Erbe Thomas Langhoffs um und wo suchen Sie im Wettbewerb mit den anderen Berliner und deutschen Theatern das eigene Profil?

Natürlich haben wir uns immer wieder gefragt, wie wir uns von den anderen Theatern unterscheiden können. Wer oder was kommt in Berlin nicht vor, wenn wir nicht dafür sorgen. Ich bin jemand, der Theater vor allem über Personen denkt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass es auf Dauer in Berlin kein Theater gibt, an dem Bob Wilson vorkommt. Das gleiche gilt für Peter Zadek. Mir wollte auch nicht einleuchten, dass ein Regisseur, der sein Leben in Berlin verbringt, hier nur Opern inszeniert. Also habe ich mit Hans Neuenfels eine feste Partnerschaft verabredet. Ich fand es nicht richtig, dass eine fast noch junge Regisseurin wie Konstanze Lauterbach, die lange in Leipzig, und ein bisschen in Wien und München gearbeitet hat, nicht in Berlin ankommt, an einem Theater, über das sie viel weiß. Andererseits: Es gibt in Berlin ein Theater, da steht groß "Ost" drauf, also müssen wir das nicht auf unser Theater schreiben.

Keine zweite Volksbühne?

Nein. Und es gibt ein jugendbewegtes Theater am Kurfürstendamm, das ist prima, also brauchen wir keine zweite Schaubühne. Unser Ensemble wird ein großes Ensemble der Generationen sein - wo gibt es so etwas in Berlin?

Zadek, Wilson, Neuenfels: Sie knüpfen so an Traditionen an, die es in Berlin schon einmal gab. Wollen Sie mit den Genannten dasSchiller-Theater wieder erfinden - und auch ein Stück alter Schaubühne? Das Theater, das Sie übrigens nicht aufgezählt haben, ist Ihr Nachbar am Schiffbauerdamm, Peymanns Berliner Ensemble.

Das heißt ja nur so. Die Entscheidung für ein Ensembletheater ist, wenn man sie ernst meint, eine gegen den Trend. Es wird bei uns jetzt 20 "alte" Schauspieler" geben und 20 neue, die dazukommen. Wir machen es uns nicht leicht. Es gibt ja so eine Nostalgie, die möchte, dass alle "wichtigen" Berliner Schauspieler sich wieder auf der Bühne treffen. Das verstehe ich, aber das kann nicht Programm sein. Wir behaupten, dieses alt-neue Ensemble wird sich durchsetzen und neue Wege gehen.

Wie groß war denn das Ensemble unter Thomas Langhoff?

Es waren vor zwei Jahren noch mehr als 60 Schauspieler.

Und 40 gehen nun in den Ruhestand?

Einige gehen, weil sie - schon lange - andere Pläne haben, von einigen habe ich mich getrennt. Dieter Mann bleibt, Jörg Gudzuhn und Christian Grashof bleiben. Gudzuhn wird unter Neuenfels spielen, und das ist wunderbar.

Konstanze Lauterbach wird Ihre Intendanz mit einer vermutlich stark choreographisch geprägten Version von Garcia Lorcas "Bluthochzeit" eröffnen. Ist das ein Programm?

Es gibt drei feste Regisseure: Lauterbach fängt an, dann Neuenfels mit Shakespeares selten gespieltem "Titus Andronicus", in dem Hans Michael Rehberg und Elisabeth Trissenaar spielen, dann Jan Jochymski. Das ist ein junger entdeckungsfreudiger Regisseur aus der Off-Szene - das alles wird eine spannende Mischung.

Sie erwähnten vorhin eine Berliner Nostalgie im Zusammenhang mit bestimmten Schauspielern, und diese seien nicht Teil Ihres Ensembles. Nun verbindet man mit diesen Schauspielern auch Qualitäten, die man derzeit auf Berliner Bühnen vermisst. Auch Ihre Regisseure, Wilson, Zadek, sind für Berlin Nostalgie, gute Nostalgie. Warum nicht eine Jutta Lampe zu Zadek oder eine Libgart Schwarz in einer Wilson-Inszenierung?

Ich komme an ein Haus, an dem, Gott sei Dank, Christine Schorn, Margit Bendokat, Jutta Wachowiak spielen. Und dann: es geht nicht alles in einer Spielzeit. Das braucht Umwege und viel Geduld. Es gibt zum Beispiel für die zweite Spielzeit eine Verabredung mit Peter Zadek, und es wird, hoffe ich, eine Produktion mit Angela Winkler sein. Das passiert so Schritt für Schritt. Als Programm finde ich es es spannender, von Projekten und Stoffen her zu denken, um dann mit den Regisseuren herauszufinden, wie das mit dem Ensemble zu machen ist.

War der Anfang als Intendant aus dem Westen im Gorki Theater schwieriger als der, den Sie jetzt im Deutschen Theater erwarten?

Ohne die Erfahrung mit dem Maxim Gorki Theater hätte ich mir die Direktion des DT nicht zugetraut. Ich bin 1994 ans Gorki gekommen und habe gedacht: Was für ein schönes kleines Haus und was für ein überaltertes Ensemble. Ich habe damals auch 20 neue Leute mitgebracht und dann im Laufe der Zeit mitbekommen, wie schwierig das Zusammenwachsen war. Es gab getrennte Tische in der Kantine. Aber nach den ersten gemeinsamen Premieren - und Erfolgen - hat sich das völlig verändert. Es wird eine späte Wende für das Deutsche Theater. Und ich spüre, dass alle sie wollen.

Das Deutsche Theater war einmal das erste Haus am Platz. Ist das auch Ihr Ziel?

Ja. Das erste Ensembletheater und ein Theater des großen Repertoires: mit 18 Premieren, 15 Regisseuren, von denen keiner zuvor am Deutschen Theater gearbeitet hat.

Repertoire spielen die anderen auch. Was ist dabei das Besondere?

Ich will jetzt nicht polemisch gegenüber den anderen Berliner Theatern sein. Aber ich würde es gerne als charakteristisch für unser Haus ansehen, dass sich die Regisseure auf die Stoffe einlassen und Geschichten erzählen, sich nicht an Stücken vorbeimogeln und nichts über sie verhängen. Mich interessiert ein bildkräftiges, leidenschaftliches Theater, das sich vor den Stücken nicht drückt, sondern sie - altmodisch genug - interpretiert.

Claus Peymann und manche andere würden das auch sagen. Welcher Intendant und Regisseur möchte kein bildkräftiges, leidenschaftliches Theater?

Ich sage das, damit Sie mich daran messen in den nächsten Jahren.

Welche Intentionen bestimmen denn Ihren Spielplan, wie mischen sich Klassiker und zeitgenössiche Stücke, was soll unverwechselbar sein an Ihrer "Berliner Dramaturgie"?

Es gibt eine schöne Sentenz von Walter Benjamin, die mir besonders einleuchtet: Die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sterne zu den Sternbildern. Ich denke gerne über das Einzelne nach - in der Hoffnung, dass der eine schöne Stern eine Sternenkonstellatin stiftet. Ich scheue den Pluralismus und den Gemischtwarenladen nicht; so wünsche ich mir auch, dass das Deutsche Theater ein internationales Theater wird.

Aber was konkret soll sich da mischen?

Zwei Sachen sind typisch für das, was wir vorhaben: Lars Norén schreibt ein Stück für die Kammerspiele des Deutschen Theaters und inszeniert es selber. Fast niemand weiß bisher in Deutschland, dass der Dramatiker Noren auch ein wichtiger Regisseur ist. Oder: Andreas Dresen, der Filmemacher, Regisseur von "Nachtgestalten", wird ein Stück zum Thema Terrorismus in Deutschland entwickeln und es inszenieren. Er hat wenig Theatererfahrung, ist kein Dramatiker. Aber das ist interessant. Man sieht etwas im Kino, im Theater, in einem Buch und sagt sich: Wer ist das? Mit dem wollen wir etwas riskieren. So sehe ich auch unsere Zusammenarbeit mit Jochymski. Anderes ergibt sich ganz zwanglos: Das große Haus ist das Haus der Klassiker und der klassischen Moderne, und die Kammerspiele sind dezidiert das Haus der neuen Texte. Es gibt fast nur Ur- und Erstaufführungen in den Kammerspielen im ersten Jahr. Das ist eine andere Weise, zu Theatertexten zu kommen, als das sonst der Fall ist. Norén, Dresen, Jochimski, Kammerspiele: das gewinnt eine eigene Deutlichkeit. Andererseits gibt es den Weg von "Emilia Galotti" zu "Titus Andronicus" und zu Wilsons Version des "Dr. Caligari".

Sie nennen uns als Programm fast ausschließlich Stücktitel und Regisseursnamen. Für jemanden, der im Begriff ist, ein großes Theater zu übernehmen, wirken Sie trotz Benjamin-Zitat ziemlich zurückhaltend.

Ich kann ganz gut die Klappe halten. Ich will es selber erst auf der Bühne sehen, bevor ich es anpreise. Sie wissen doch,wieviel Theater-Manifeste in dieser Stadt schon vergessen wurden. Im übrigen glaube ich nicht, dass das alles leise Aufführungen werden.

Achtzehn Premieren, so viele neue Regisseure: Wie rechnet sich das in Berlins finanzknappen Zeiten?

Das rechnet sich für 2001 noch über einen gemeinsamen Wirtschaftsplan mit Thomas Langhoff. Was die Zukunft angeht, bin ich überzeugt, dass das Deutsche Theater mit dem Zuschuss von jährlich 38 Millionen auskommt - unter ganz bestimmten Vorraussetzungen. Das Deutsche Theater zahlt einen entschieden zu hohen Anteil an gemeinsame Werkstätten mit der Staatsoper. Wenn wir das justieren, wird das Deutsche Theater an die zwei Millionen sparen können. Das ist eben der Betrag, der hier in den letzten Jahren immer gefehlt hat.

Zadek und Wilson gehören aber zu den weltweit teuersten Regisseuren. Muss da der DT-Freundeskreis um Heinz Dürr einspringen?

Wir werden Freunde und Förderer brauchen. Und mit Heinz Dürr ist vereinbart, dass wir den von ihm gestifteten Dürr-Preis in Richtung Autoren-Stipendium verändern. Die ersten sind Andreas Dresen und Oliver Bukowski, mit denen wir schrittweise Stücke entwickeln.

Vertrauen Sie darauf, dass das Problem der Tariferhöhungen gelöst wird, ohne dass Sie Jahr für Jahr ein Stück Ihres Bühnenetats beschneiden müssen?

Wenn die Tariferhöhungen nicht vom Land Berlin übernommen werden, ist das ein Problem. 38 Millionen Mark, das sieht üppiger aus, als es ist - bei der Personalstärke des Hauses. Das Burgtheater bekommt mehr als das Doppelte. Aber in letzter Zeit ist soviel über Geld geredet worden, dass ich große Lust habe, wieder über Kunst zu reden.

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