Kultur : Bernhard Heiliger: Kopflandschaften

Klaus Hammer

Die Reihe der Porträtköpfe setzte im Schaffen von Bernhard Heiliger mit den 50er Jahren ein; schon in den frühen 60er Jahren schloss er diese Werkgruppe wieder ab. Einige wenige Porträtaufträge aus Politik und Wirtschaft sind darunter, wie der des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter, des Bundespräsidenten Theodor Heuss oder von Heinrich Nordhoff, dem Generaldirektor der Volkswagenwerke. Die übrigen Köpfe zeigen Freunde und Bekannte, Künstler, Schauspieler, Tänzerinnen, Kunstwissenschaftler und Sammler. 1956 wurde erstmals ein Teil seiner Köpfe im Haus am Waldsee ausgestellt. Doch in sein Werkverzeichnis von 1989 hat Heiliger weniger Köpfe aufgenommen, als tatsächlich entstanden sind. Durch Recherchen der Bernhard-Heiliger-Stiftung sind heute sechzig Köpfe nachweisbar. Zum 85. Geburtstag des vor fünf Jahren verstorbenen Bildhauers präsentiert das Georg-Kolbe-Museum mit über dreißig Köpfen die Höhepunkte.

Keiner vor und nach ihm hat sich in der deutschen Porträtplastik so weit von der Naturform entfernt wie Heiliger. Dennoch erreichte er Porträtähnlichkeit. "Kopflandschaften" nannte er seine Bildnisse, deren sprechende Lebendigkeit nicht so sehr im Physiognomischen zu suchen ist, als im Zusammenwirken von Haltung, Gestus, Rhythmus, Volumina. Die Oberflächen sind glatt oder zerfurcht, wie ausgewaschen und doch voller Kontur. Heiliger beanspruchte für sich, mit jedem Kopf "vollkommen neue Formelemente" zu erfinden. Er relativierte die anatomische Korrektheit und gab der Gesichtsfläche ihre unauslöschlichen Lebensspuren. Seine frühen Köpfe beschränken sich noch auf einen schwach artikulierten Halsstumpf oder modellieren maskenartig ein Gesicht heraus.

Zu einer Ikone der frühen 50er Jahre wurde der Kopf des Malers Karl Hofer in seiner aufwachsenden Kurve und kühnen Asymmetrie; anstelle der Pupillen stehen eingestochene Löcher, die groß umrundeten Augen geben dem Blick Tiefe und visionäre Kraft. Im gotisch gelängten Musikerkopf von Boris Blacher verbindet sich geometrische Strenge mit intellektueller Schärfe, während der einer aufgesetzten Maske ähnliche Kopf des Mimen Ernst Schröder Milde und Gelassenheit atmet. Mit hochgezogenen Augenbrauen und abgesenkten Tränensäcken visualisiert der Kopf Ernst Reuters eine besondere Wachheit und Aufnahmebereitschaft, der Mund des Redners ist halb geöffnet. Eine gelassene Würde strahlt das Antlitz von Theodor Heuss aus; es scheint ganz in sich zurückgezogen zu sein und kann doch blitzschnell in Weltauseinandersetzung umschlagen. Mit harten Kanten ist die dynamisch wirkende Büste Kurt Martins facettiert, des Generaldirektors der Münchner Museen; in der ersten Version werden die Brillengläser als Materialität behandelt und plastisch eingeordnet, in der zweiten liegen die Augen in verschatteten Höhlen und sind mit den Gläsern verwachsen.

Als Material für seine Köpfe wählte Heiliger neben dem Reflektionsreichtum und der Eleganz der Bronze die wuchtige Energie und Sprödigkeit des Zementgusses. Obwohl er seine zunehmend abstrahierende Formensprache mit der Porträtaufgabe verbinden konnte, hatte sich das Problemfeld "Kopf" bald für ihn erschöpft. Doch Ausstellung und Katalog erbringen den Nachweis, dass Heiliger mit seinen Bildnissen einen originären Beitrag zum Menschenbild im 20. Jahrhundert geleistet hat.

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