Kultur : Bernhard Paul im Wintergarten: Für Hüte bücken

Moritz Schuller

Wenn ein 91-jähriger Mann mit zwei Fingern Klimmzüge macht und das Publikum jubelt, wenn vier ungarische Jungs monatelang üben, um mit nacktem Oberkörper Roboterbewegungen zu machen und das Publikum jubelt wieder, dann ist die Welt in Ordnung. Von der Breakdance Nummer zum ältesten Artisten der Welt: Bernhard Paul hat das Frühjahrsprogramm im Wintergarten dirigiert wie einen Film von Billy Wilder, wo Bewunderung dem Mitgefühl so bitter nahe kommt und Selbstdarstellung manches Mal auch jenseits der Selbstentlarvung stattfindet. (Noch bis 25.3.) So kommt all die Traurigkeit, die auch im Leben eines Weltklassejongleurs wie Kris Kremo steckt, zum Vorschein. Der Mann kann jonglieren wie der Teufel und seine Hutnummer ist wunderbar: Als der Hut auf seinem gekrümmten Rücken landet, tut Kremo, als ob er nicht wüsste, wie es weitergehen soll. Dann nimmt er ihn mit der Hand und setzt ihn auf. Gegen alle Regeln. Doch ein Mann, der seit Jahren den Tag damit verbringt, Hüte auf der Nase zu jonglieren, der kann auch das, der darf das auch. Yelena Larkina, die Artistin im Hula Hoop, ist unmenschlich beweglich und ebenso sexy, Ring für Ring. Galina, mit angestricktem Haar und Achselhöhlen aus denen Nebel wabert, schwebt wie Copperfield auf einer kleinen Mondkugel - Poesie einer Softporno-Welt ohne Porno. Als Ilona Schulz eine italienische Popschnulze singt (und sie singt sehr gut), schwenken die Jüngeren ihre Feuerzeuge im Takt und die Sternendecke des Wintergartens glitzert - und in der dritten Reihe hält ein älteres Paar in der Dunkelheit Hände. "Know your audience" ist ein Spruch, den Wilder in Hollywood gelernt hat.

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