Bernhard Schlinks Roman „Sommerlügen“ : Der Duft getrockneter Blumen

Kleines Glück und große Zweifel: Bernhard Schlink erzählt in seinem neuen Roman „Sommerlügen“ Liebes- und Ehegeschichten.

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Nach den Liebesfluchten die Sommerlügen. Bernhard Schlink, 66.
Nach den Liebesfluchten die Sommerlügen. Bernhard Schlink, 66.Foto: laif

Zwei Menschen begegnen sich am Strand. Nachsaison am Cape, viel Regen. Er, der Flötist, ist dort, weil er sich den Aufenthalt im Sommer nicht leisten kann. Und sie? Die Romanze, die beide überwältigt, bekommt einen Riss, als er erfährt, wer sie ist. Sind sie beide tatsächlich so verschieden? Hat er sich etwas vorgemacht, als er dachte, er könnte sein altes Leben, von dem er bislang nicht wusste, wie sehr er an ihm hängt, mitnehmen in das neue Leben mit ihr? So wie sie ihm, hatte auch er ihr „nichts verheimlichen wollen. Es hatte sich einfach so ergeben.“

Diese melancholische Lakonie ist der Grundton der „Sommerlügen“, der Bernhard Schlinks neues Buch durchzieht. „Sommerlügen“ ist Schlinks zweiter Erzählband nach den vor zehn Jahren veröffentlichten „Liebesfluchten“. Und wieder erzählt Schlink darin Liebes- und Ehegeschichten, sieht sich das Personal kleinen und größeren Lebenslügen ausgesetzt. Der gut beschäftigte Theaterautor, der der akademisch durch die Welt tingelnden Geliebten eine harmlose Nacht mit einer Freundin in Baden-Baden verschweigt und damit ein veritables Beziehungsdrama auslöst. Oder der nicht ganz so erfolgreiche Autor aus Europa, der im Schatten seiner brillanten amerikanischen Ehefrau steht und sie und das gemeinsame Kind in einem „Haus im Wald“ (so der Titel der Erzählung) vor der Welt abzuschirmen versucht.

Beide Male ist es die Angst, ein Leben zu verlieren. Wann beginnt der Verrat? Wann wird die Grenze überschritten, wo die Konflikt vermeidende Lüge kein sanftes Betttuch mehr ist, unter dem sich gut ruht? Solange die Menschen noch relativ jung sind, haben sie Zeit.

Der Flötist würde sich für das Leben mit Susan entscheiden, „wenn es so weit“ wäre; der Theatermensch könnte in die Cevennen oder ins Burgund fahren und anfangen, „es mit der Wahrheit“ zu versuchen; und selbst der Mann, der auf Frau und Kind einen Anschlag verübt hat, um sie zu halten, bastelt weiter an den Plänen, „wie er sein Leben zusammenhalten“ kann.

Was aber, wenn es schon (fast) zu spät ist und das, was als Glück empfunden wurde, nur die „Zutaten des Glücks“ waren und sich mit zunehmendem Alter der Zweifel einstellt? Damit quält sich der todkranke Thomas Wellmer herum, der in seinem letzten Sommer noch einmal seine Familie um sich versammelt, um herauszufinden, ob sein Lebensglück eine Lüge war. Danach will er sich davonstehlen, ohne Ankündigung. Doch was er so vorzüglich arrangiert hat, nimmt einen unvorhergesehenen Verlauf, und der Abschied, als dessen Regisseur er hatte auftreten wollen, liegt plötzlich schon hinter ihm, ohne dass er noch Einfluss auf ihn nehmen könnte.

„Etwas Großes“ passiert in einem solchen Leben nicht mehr. Nicht auf der Reise nach Rügen, während der Vater und Sohn Johann Sebastian Bach nachsinnen und sich, ein letztes Mal, verfehlen. Und nicht in dem Stift, in dem die alte Dame lebt und plötzlich feststellt, dass sie ihre Kinder nicht mehr liebt, obwohl sie wohlgeraten sind und sich um sie kümmern. Sie will nicht mehr mit ihnen telefonieren und sagt, sie habe Besuch. Wie ihren Geruchs- und Geschmackssinn hat sie ihre Mutterliebe verloren, die eine Pflicht war wie die Ehe, für die sie eine andere Liebe aufgab. Jetzt schwindelt sie, dass das Essen gut schmecke, die Blumen duften und sie ihre Kinder und Enkel liebe.

Wer sein Leben als „Trockenübung“ absolviert, die der Flötist in der Auftakterzählung so gut beherrscht, und nur den „kleinen Finger beugt und streckt“, wird nie das ganze Spiel auskosten. Wie der Flötist, der Susan mit improvisierten Melodien verzaubert, „die zu ihren Stimmungen passten“, illuminiert Bernhard Schlink seine seit dem großen Erfolg 1995 mit „Der Vorleser“ in die Millionen gehende Leserschaft mit den Variationen eines einzigen Themas. Dabei vergisst man allerdings ganz schnell das Stück, so wie sich das Geschmack einer prallen Frucht verflüchtigt. Was in beiden Fällen bleibt, ist der Grundton und das Aroma.

Bernhard Schlink: Sommerlügen.

Geschichten. Diogenes Verlag, Zürich 2010. 288 Seiten, 19, 95 €.

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