Bernhard über "Meine Preise" : Sie haben mir auf den Kopf gemacht

Wie demütigend Ruhm sein kann: „Meine Preise“, das erste Buch aus Thomas Bernhards Nachlass.

Gerrit Bartels
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Wir sind Österreicher, wir sind apathisch. Der Geschichtenzerstörer Thomas Bernhard, 1985. Foto: Ullstein-Bild

Glaubt man Thomas Bernhard, der Qualen welcher Art auch immer gewöhnt war, dann muss die Annahme des Kleinen Österreichischen Staatspreises 1968 eine nahezu unerträgliche Qual für ihn gewesen sein. Allein, dass es nur der Kleine und nicht der Große Österreichische Staatspreis ist, bringt ihn auf. Diesen habe doch „schon jedes schreibende Arschloch bekommen“, dieser sei eine Gemeinheit für jeden Schriftsteller über dreißig, schreibt der damals 36 Jahre alte Bernhard, „und da ich schon beinahe über vierzig bin, ist er eine ungeheure Gemeinheit“. Die Fahrt zur Preisverleihung empfindet er wie eine „Fahrt zu einer Hinrichtung“ und die Laudatio, die dann ein Minister auf ihn hält, bestätigt seine schlimmsten Befürchtungen. Dass er Abenteuerromane verfasse, muss er hören, dass er ein in Österreich zu Gast weilender Holländer sei und noch weitere in „Stumpfsinn gekleidete Falsifikate“.

Immerhin: Bernhard wehrt sich. Seine Dankesrede, die er mit größtem Widerwillen zu Papier gebracht hat, hat es in sich und sorgt für einen Skandal. „Wir sind Österreicher, wir sind apathisch“, sagt Bernhard unter anderem, „wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozeß der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft.“ Es folgen der Abgang des Ministers und seines Gefolges: fluchend, türenschlagend, Fäuste schüttelnd. Und anderntags Berichte in den österreichischen Zeitungen, in denen Bernhard als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet wird. Von nun an hat Bernhard seinen lebenslangen Ruf als Österreich-Beschimpfer und Heimathasser weg. Einen Ruf, den er leidenschaftlich pflegt. Noch zwei Tage vor seinem Tod 1989 verwahrt er sich testamentarisch „nicht nur gegen jede Einmischung, sondern auch gegen jede Annäherung dieses österreichischen Staates meine Person und meine Arbeit betreffend in aller Zukunft“.

Nichtsdestotrotz und obwohl er in den achtziger Jahren tatsächlich keine mehr annimmt, hat Thomas Bernhard immer wieder Literaturpreise zugesprochen bekommen, im In- und Ausland. Wie er diese bekam, unter was für Lebensumständen, warum es sich für ihn nicht vermeiden ließ, diese anzunehmen, und was sich bei den Preisverleihungen zutrug, davon handelt das erste Buch, das dieser Tage aus Bernhards Nachlass erscheint: „Meine Preise“. Entstanden ist es höchstwahrscheinlich 1980, worauf einige Angaben in dem Buch hinweisen. So der Hinweis, er sei „kürzlich aus der sogenannten Darmstädter Akademie ausgetreten“, der für die Vergabe des Büchner-Preises zuständigen Akademie für Sprache und Dichtung, was er im Dezember 1979 in der „FAZ“ begründete. Wofür aber auch Passagen aus seinem 1982 veröffentlichten Buch „Wittgensteins Neffe“ sprechen, einer Erzählung über seine Freundschaft zu Paul Wittgenstein.

In diesem Buch finden sich ausführlich die Umstände der Verleihungen des Grillparzer-Preises und weniger ausführlich die des Kleinen Österreichischen Staatspreises wieder. Und das Szenario, das der Verleihung der sogenannten Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbands der Deutschen Industrie in Regensburg vorangeht, konstituiert „Wittgensteins Neffe“: Bernhard liegt nach Beendigung seines Romans „Verstörung“ 1967 in dem Lungenkrankenhaus, „das der Irrenanstalt am Steinhof in Wien angeschlossen war.“ Und in der Irrenanstalt ist zur selben Zeit Paul Wittgenstein untergebracht, und beide vertiefen auf dem Krankenhausgelände ihre Freundschaft. In „Meine Preise“ aber kommt Wittgenstein nicht vor, hier ist der teure Krankenhausaufenthalt der Grund für die Preisannahme: „Aber ich dachte immer wieder an die achttausend Mark. In der Zeit meiner Morbus-Boeck-Krankheit waren so viele Schulden aufgelaufen, die ich jetzt werde abbezahlen können, dachte ich“.

Warum Bernhard aber „Meine Preise“ weder nach der mutmaßlichen Fertigstellung 1980 veröffentlichen ließ, noch 1988, da er seinem Verleger Siegfried Unseld die Übergabe dieser „Prosa-Arbeit“ ankündigte, darüber ist nichts bekannt. Vielleicht liegt es daran, dass Bernhard sein Buch für nicht ausgearbeitet genug hielt, es ihm noch zu wenig kaputte Passagen hatte. Ein „typischer Geschichtenzerstörer“, wie eines seiner schriftstellerischen Credos lautete, ist er hier tatsächlich nicht. Im Gegenteil: Bernhard erzählt in „Meine Preise“ richtige Geschichten, eben die seiner Preise,

Diese haben Höhepunkte und Schluss- pointen, sie haben Vorgeschichten und Epiloge, die wiederum „auf die selbstverständliche Weise“ mit den Preisen zusammenhängen. Dazu passt, dass der typische Bernhard-Sound hier nur schwach erklingt und die Geschichten zumeist ohne die redundanten, in Nuancen sich verändernden, immer weiter steigernden Wortkaskaden auskommen. Der Text ist hier weniger die Party. Sondern mehr die Demütigungen, Preise verliehen zu bekommen, von „inkompetenten Leuten, die einem auf den Kopf machen wollen“. Bei der Grillparzer-Verleihung erkennt ihn keiner der Honoratioren, in Regensburg werden sein Name und der der Mitpreisgewinnerin Elisabeth Borchers vertauscht (Frau Bernhard, Herr Borchers), die Feier zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises, den Bernhard eine Woche nach dem Kleinen Österreichischen Staatspreis bekommen soll, wird nach dem Skandal kurzerhand abgesagt. Das Geld aber braucht Bernhard, und diese lebensnotwendige Heuchelei animiert ihn oft zu schönsten Selbstkasteiungen: „Jetzt bist du auch dieses Pack, das dich immer zur Raserei gebracht hat“. Zudem verrät „Meine Preise“ viel über Bernhards Faible für englische Anzüge, englische Sportwagen und Bauernhöfe. Einen davon erwirbt er mit dem Preisgeld für den Bremer Literaturpreis, und die Geschichte dazu ist köstlich. Weniger bekömmlich sind Gehässigkeiten wie die einem Freund gegenüber, der nicht aus einer Jury ausgetreten ist, die Bernhard gedemütigt hat. Dessen Tod wird geradezu hämisch verkündet.

„Meine Preise“ lässt sich gut als die Fortsetzung von Bernhards fünfbändiger Autobiografie und Präludium zu „Wittgensteins Neffe“ lesen. Wiewohl in diesem Fall genauso gilt: erst die Literatur, dann das autobiografische Bekenntnis. Erst die Stilisierung, die Mystifizierung der eigenen Person, dann die Wirklichkeit. Aufschlussreich ist da auch ein Leserbrief in der „FAZ“, die „Meine Preise“ im November 2008 vorabdruckte. Darin legt der Schriftsteller Arnold Stadler dar, wie sehr Thomas Bernhard bei der Verleihung der „Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie“ gemogelt, wie sehr er doch die Wirklichkeit zu Literatur verfälscht hat.

Das Preisgeld habe er zu jenem Zeitpunkt, da er kurz nach dem Krankenhausaufenthalt nach Regensburg reist, längst bekommen, so Stadler. Und auch den „Akzente“-Herausgeber Hans Bender, „der, wie ich annehme, über die Vergabe der Ehrengabe mitbestimmte“, habe Bernhard nicht erst am Tag der Preisverleihung kennengelernt, wie er suggeriert, sondern diesen hätte er seit vielen Jahren gekannt. Solche akribischen Abgleiche mit der Realität machen die Lektüre dieses Buches zu einem noch größeren Vergnügen. Man muss Thomas Bernhard ja nun wirklich nicht alles glauben.

Thomas Bernhard: Meine Preise. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 144 Seiten, 15, 80€.

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