Kultur : Beruf: Tagträumer

KATRIN HILLGRUBER

Der Romancier Wilhelm Genazino schätzt die sachte Realitätsabweichung des Tagtraums, ob sie sich im Schneesturm oder Supermarkt ereignet.Die Lyrikerin Ursula Krechel ist eher dem Nachttraum und seinen starken, rätselhaften Symbolen zugetan."Kalbsblütenkopf" war so ein Wort, das ihr im Schlaf erschien.Flugs wurde aus dem Findling der Bestandteil eines Gedichts.Sie unterzog ihn der täglichen "Verdichtungsarbeit", frei nach Gottfried Benn: "Noch eine Herme mehr - man lasse sie, auch sie führt zum Gedicht - Melancholie." Ob Herme oder Kalbsblütenkopf, im Literarischen Colloquium war an zwei Abenden ein für das luftige Thema sehr konkreter Einblick in die Arbeit zweier Berufsträumer zu gewinnen.Die Idee, Ursula Krechel und Wilhelm Genazino vor dem Hintergrund von Sigmund Freuds Theorie der Traumdeutung zu korrespondierenden Vorträgen anzuregen, stammte vom Literaturhaus in der Psychoanalyse-Hochburg Frankfurt am Main.

Wer sich durch das Schneetreiben durchgekämpft hatte (das Thema zog viele an, denn beim Träumen ist jeder Amateur und Profi zugleich), den entschädigte Genazino mit einigen der schönsten Schneeszenen aus seinem Prosawerk.Schneefall kommt für ihn einer meteorologischen Lizenz zum Tagträumen gleich: "Ich selbst kann im Winter der Erlebnisverlassenheit besser ausweichen als im Sommer, weil sich, wie ich bemerkt habe, das Umhergehen im Schnee auf die Erlebnis- und also auch: auf die Einfallslosigkeit aufhebend auswirkt." In den schneesicheren Alpen wolle er aber auch nicht wohnen, antwortete er auf eine um die Inspiration des Autors besorgte Frage Reinhard Baumgarts, sonst würde er die dort übliche "furchtbare Untergangsliteratur" produzieren.Der gefrorene Regen in seiner Flüchtigkeit ist dem Schneeträumer Genazino gerade als das "behinderte Symbol" wichtig, als ein Ereignis in der Möglichkeitsform: "Dichter Schneefall ist die einzige Veränderung der Welt, die innerhalb weniger Minuten möglich ist", heißt es im Postkarten-Buch "Aus der Ferne", illustriert mit einer eingeschneiten Straßenbahn.

Genazinos Vortrag "Diese merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter - Der Tagtraum als Fundament des Phantasierens" bezog sich auf Sigmund Freud und dessen widersprüchliche Einschätzungen der künstlerischen Kreativität.Einmal stellte Freud in seinen "Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" das gesamte Kulturschaffen unter Kompensationsverdacht, ein anderes Mal sah er den Dichter als "einzigartig privilegiert" an, weil ihm im Gegensatz zum Neurotiker jederzeit die Rückkehr in die Realität möglich sei.Der Analytiker hatte den Spieltrieb beim Erwachsenen rundweg geleugnet und durch das Phantasieren ersetzt gesehen, "vermutlich aus melancholischer Resignation", wie Genazino verständnisvoll meinte.Er widersprach Freuds rigiden Reife-Vorstellungen des menschlichen Werdens ebenso heftig wie der Gleichsetzung von berufsmäßigem Tagträumer und seelisch belastetem Konfliktträumer.Für ihn als professionellen Phantasten bedeute das Träumen vielmehr ein "kompliziertes Arbeitsbeschaffungs- und gleichzeitig ein Selbstberuhigungsprogramm".Am Ende aber, wenn der Text trotz aller Gefährdung vollendet werden konnte, steht eine Art von Glück: "Aus der Selbstinszenierung des Tagtraums geht die Anmutung von Autonomie hervor."

Der operative Tagtraum des Romanciers ist ein Arbeitsmittel, mit dem die Dichterin nicht so viel anfangen kann.Ihre Literatur sei zu montiert, um traumhaft zu sein, sagte Ursula Krechel.Eine collagierte Wunsch-Traumsequenz hatte bereits das balladeske Poem "Nach Mainz!" dargestellt, das ihrem lyrischem Debüt 1977 den Titel gab.Sie ging in ihrem Vortrag dem Traumtext als literarischer Form nach.Dabei wurde deutlich, wie sehr der notierte, adressierte Traum bereits der Zensur des Träumenden unterliegt.Sigmund Freud hatte seine Patienten angehalten, ihre Nachtmahre nicht aufzuschreiben, sondern ihm unmittelbar zu erzählen.

Wie der Unfallbericht besticht der Traumbericht durch Wortwörtlichkeit, nur daß man letzteren nicht verstehen muß.Beide sind niedere Textsorten, erfordern jedoch äußerste Genauigkeit.Die Befreiung von der Interpretation, der Status der Unbefragbarkeit des Traumgeschehens, machte Wilhelm Genazino fröhlich: Wie im Labyrinth sei man bei der Erzählung von Träumen für jeden Fingerzeig dankbar, auch wenn dieser in den Irrtum führe.Daraus ergab sich eine gemeinsame Skepsis gegenüber konstruiert traumartiger Literatur und ihrer künstlichen Voraussetzungslosigkeit.

Doch da hatten längst Hobbyschriftsteller und Traumdeuter aus dem Publikum das Wort ergriffen.Die Vortragenden zeigten sich von der Eigendynamik ihres Gegenstands verblüfft.Eine spontane psychoanalytische Gruppensitzung konnte gerade noch verhindert werden.

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