Kultur : Berufsbildungsbericht 2001: Mangelwirtschaft

Bärbel Schubert,Ulrike Fokken

Eile Ist Geboten."Tempo, Tempo", sagt SPD-Generalsekretär Franz Müntefering und möchte eine Einwanderungsregelung noch in diesem Jahr. Tempo will auch Peter Müller, Vorsitzender der CDU-Einwanderungskommission, in den Gang eines Zuwanderungsgesetzes bringen. Regierung und Opposition sind sich zumindest mittlerweile darüber einig, dass ein derartiges Gesetz aus dem Bundestagswahlkampf im nächsten Jahr gehalten werden soll. Gleichzeitig sehen sie die Eile, die Unternehmen aller Branchen haben. Ob Hoteliers, Maschinenbauer oder Software-Entwickler - alle brauchen ganz schnell Fachkräfte. Denn vielen Branchen der deutschen Wirtschaft droht in den nächsten Jahrzehnten eine Fachkräftelücke. Davor hat die Bundesregierung die Wirtschaft in ihrem jüngsten, noch nicht veröffentlichten Berufsbildungsbericht gewarnt, der dem Tagesspiegel vorliegt. Die lauten Rufe aus der Wirtschaft nach einer Ausweitung der Green-Card-Regelung über die Informationsbereiche hinaus zeigen, dass dieser Fachkräftebedarf vor allem auch dort gesehen wird.

Und das in einer Anzahl, die die deutsche Wirtschaft nach den Jahren des Ausbildungsplatzabbaus nicht schnell genug selbst ausbilden kann. Bundesweit gibt es 1,3 Millionen offene Stellen, klagt der Bund der Deutschen Industrie (BDI). BDI-Mann Ludolf von Wartenberg drängt die Bundesregierung bei der Green Card zur Eile. Schließlich stehen deutsche Unternehmen im weltweiten Wettbewerb um die klügsten Köpfe.

Alle Industrieländer von Japan über Spanien bis nach Nordamerika leiden unter einer sinkenden Geburtenrate. Das gilt auch für die osteuropäischen EU-Beitrittsländer. Also brauchen alle diese Staaten junge Menschen, die kreativ und kräftig den Wettbewerb der Volkswirtschaften führen. Bundeskanzler Schröder versucht nun, Ruhe in die Hetzjagd zu bringen und kündigte eine ausgeweitete Green Card für Fachkräfte aller Branchen an. Das Tempo jedoch war den Befürwortern einer gesetzlichen Einwanderung aus der eigenen Partei und den Oppositionsparteien zu schnell. "Der völlig falsche Weg", wetterte Thüringens Ministerpräsident Vogel (CDU) und mahnte die Rechte der Arbeitslosen an. "Ausbilden" fordern Sozialdemokraten und Unionspolitiker in seltener Eintracht von der Wirtschaft.

Schließlich hat Deutschland noch immer fast vier Millionen Arbeitslose. Da scheinen vielen Menschen die Klagen über einen Fachkräftemangel paradox. Doch die Arbeitslosen haben entweder die falschen Berufe, sind zu alt, zu lange aus dem Berufsleben oder leben in den falschen Gegenden in Deutschland. Während in den Boom-Regionen in Süddeutschland annähernd Vollbeschäftigung herrscht, kämpfen Gegenden in Ostdeutschland mit zweistelligen Arbeitslosenraten.

Genauso schwer wiegt die Tatsache, dass die meisten Branchen seit Jahren zu wenige Jugendliche ausgebildet haben, auch wenn die Wirtschaft im Boombereich Informationstechnik inzwischen die Umkehr geschafft hat. Zugleich werden am Arbeitsmarkt für die Einführung neuer Technologien immer höhere Qualifikationen von den Arbeitnehmern verlangt. In der Arbeitswelt vollzieht sich derzeit ein dramatischer Umbau. Dazu gehört, dass die Zahl der computergestützten Arbeitsplätze drastisch zugenommen hat und die globale Ausrichtung besonders der Großunternehmen den einzelnen Arbeitsplatz vielfältig verändert. Für Geringqualifizierte gibt es immer weniger Arbeit, so die Aussage vieler Prognosen. Sie stellen schon heute den Löwenanteil der Arbeitslosen. Dennoch bleiben dem Bericht zufolge noch immer zwölf bis 15 Prozent der 20- bis 25-jährigen ohne Berufsabschluss. Bei den ausländischen Jugendlichen, die in Deutschland leben, sind es sogar 40 Prozent. In den Mangelbereichen Naturwissenschaft und Technik fehlt es auch noch immer besonders an jungen Frauen.

Tiefer Einschnitt in 20 Jahren

Wenn man die Bevölkerungsentwicklung betrachtet, wird klar, dass die Zuwanderung gut ausgebildeter Ausländer nach Deutschland zur Zukunftsfrage wird. Die Erwerbsbevölkerung in Deutschland wird innerhalb der nächsten Jahre um ein Fünftel kleiner, so dass das Arbeitskräfteangebot schrumpft. Die Jahrgangsstärken in den alten Bundesländern haben sich seit den 70er Jahren nahezu halbiert, wie der Berufsbildungsbericht zeigt. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in rund 20 Jahren in Rente gehen, gibt es noch einmal einen tiefen Einschnitt. Zu den Konsequenzen heißt es in dem Bericht: Die technologischen und arbeitsorganisatorischen Veränderungen in der Arbeitswelt müssten bei einem härter werdenden Konkurrenzdruck "mit zunehmend älter werdenden Belegschaften erfolgreich bewältigt werden".

Eine Folge ist das Umdenken im Umgang mit älteren Arbeitnehmern. "Bisherige Leitbilder und einseitige Zentrierung auf Jung oder Jugend sind nicht zeitgemäß", meint der Berufsbildungsbericht. So sollen künftig ältere Arbeitnehmer frühzeitig weiterqualifiziert werden, so dass sie gar nicht erst arbeitslos werden. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn will erreichen, dass dafür die Bundesanstalt für Arbeit künftig schon für 50-jährige die Kosten übernimmt. Bisher lag die Altersgrenze dafür bei 55 Jahren.

Bulmahn will über mehr und bessere Weiterbildungsregelungen im Bündnis für Arbeit die Übereinstimmung mit Arbeitgebern und Gewerkschaften suchen. Zur Vorbereitung kommt am heutigen Montag die Lenkungsgruppe Bildung zusammen.

Der Berufsbildungsbericht dämpft allerdings auch die Hoffnung, dass der Fachkräftebedarf allein mit ausländischen Arbeitskräften gedeckt werden kann. Eine höhere Zuwanderung von Ausländern könne eine Alterung des Arbeitskräfteangebots zwar abschwächen, aber nicht verhindern.

Der aufgeregte Streit um die Green Cards für ausländische Fachkräfte im vergangenen Jahr hat überdeckt, dass diese Frage für Deutschland existenziell ist. Die Union hat mit ihrem Wahlkampf in Hessen gezeigt, dass sie die Zuwanderung nicht als Überlebensfrage für den Hochtechnologiestandort Deutschland sieht. Darin ist sie mit der Wirtschaft uneinig. Vor der nächsten Bundestagswahl wird sie über ihre Haltung erneut entscheiden.

Doch viele Spitzenkräfte, etwa aus der Wissenschaft, wollen gar nicht nach Deutschland kommen. Für ausländische Akademiker, die in Deutschland studiert haben, will die Bildungsministerin gerade in den Mangelbereichen Naturwissenschaft und Technik jetzt erreichen, dass sie hier arbeiten dürfen. Bisher war das nur in der Forschung möglich. Viele von denen, die nicht hier bleiben durften, sind allerdings gar nicht in ihre Heimatländer zurückgekehrt, sondern in andere EU-Staaten. Die meisten gingen in die USA. Dieser Widersinn soll nun beendet werden.

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