Kultur : Besatzung im weiteren Sinne

Christian Th. Müller vergleicht US-Truppen und Sowjetarmee im Deutschland nach 1945.

Hannes Schwenger

Als der Dienstwagen von Konrad Adenauers Finanzminister Fritz Schäffer 1951 von der amerikanischen Militärpolizei wegen zu hoher Geschwindigkeit gestoppt wurde, musste der Herr Minister vorübergehend seinen Pass abgeben. Dabei waren die Amerikaner sogar im Recht, denn mit dem Besatzungsstatut vom April 1949 hatten sich die westlichen Siegermächte die „oberste Gewalt“ in der noch jungen Bundesrepublik vorbehalten. In der Praxis konnte das bedeuten, schreibt Christian Th. Müller in seiner Studie über US-Truppen und Sowjetarmee in Deutschland, „dass amerikanische Militärpolizei mit Hinweis auf die chaotischen Verkehrsverhältnisse und die Unfähigkeit der deutschen Behörden unter Berufung auf § 2(e) des Besatzungsstatus … auf öffentlichen Straßen Aufgaben der Verkehrspolizei wahrnahm, was neben Verkehrskontrollen auch die Festnahme deutscher Verkehrssünder mit einschloss“.

Auch die 1955 nach der Souveränität der Bundesrepublik verbliebenen Besatzungs- und Vorbehaltsrechte der Alliierten (Truppenstationierung, Notstands- und Abhörrechte) konnten noch zu peinlichen Situationen führen: So zum Beispiel 1961 die Verhaftung dreier Förster im Wald, die von den Amerikanern wegen ihrer „unbekannten Uniformen“ der Spionage verdächtigt wurden.

Noch weit ungenierter schaltete und waltete die Sowjetarmee in der DDR, obwohl auch die seit 1955 souverän war und ein Abkommen über die „zeitweise“ Stationierung sowjetischer Truppen geschlossen hatte. Es hinderte die Sowjets nicht daran, ohne Genehmigung der DDR-Behörden Bauernland für Schießplätze zu okkupieren, willkürlich Sperrgebiete zu markieren oder in Wald und Feld ohne Rücksicht auf Schonzeiten und Waldbrandgefahr zu wildern.

Ein wenig anders liefen die Dinge im Westen, wo deutsche Polizei seit 1974 auch in amerikanischen Wohnsiedlungen ermitteln und Straftäter bis in die Kasernen verfolgen durfte. Das Militärgelände der Sowjets blieb dagegen bis zum Ende der DDR gleichsam exterritorial, obwohl das Stationierungs- und Rechtshilfeabkommen von 1958 auch der Volkspolizei zugestand, Straftaten in sowjetischen Kasernen zu verfolgen. Doch die Militärstaatsanwaltschaft der DDR räumt 1988 ein, dass ihr kein einziger Fall bekannt sei, in dem Angehörige der Sowjetarmee „von einem Organ der DDR strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden wären“. Ermittlungsverfahren wurden an die Sowjets abgegeben, ebenso wie Ermittlungen zur Unterhaltspflicht für Besatzungskinder, deren Väter nach Hause versetzt und nicht mehr auffindbar waren.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Besatzung blieb Besatzung, auch wenn man sie als „Stationierung“ umschrieb. Christian Müller verwendet dreißig einführende Seiten auf die historische und völkerrechtliche Einordnung der Besetzung Deutschlands, übrigens der längsten ihrer Art in der neueren Geschichte. Die Bandbreite ihrer von Juristen und Historikern diskutierten Bewertungen reicht von „fortdauernder Okkupationsbesatzung“ bis zu „gleichsam freundschaftlicher Besatzung“ und einer eher beschönigenden „Stationierung plus“. Müller selbst entscheidet sich für den Begriff der „Besatzung im weiteren Sinne“, die nach der Souveränitätserklärung beider deutscher Staaten „ohne offene Herrschaftsgewalt“ auskam. Allerdings hätten die Sowjets – anders als die Amerikaner – bis zuletzt „uneingeschränkte Rechte“ auf ihren Standorten in Anspruch genommen.

Wie sich das jenseits offizieller Freundschaftsbekundungen auf das Verhältnis von Besatzern und Besetzten auswirkte, zeigt Müllers vergleichender Längsschnitt durch die Geschichte zweier Truppenstandorte in Jüterbog (Ost) und Bamberg (West). Der Sonderfall der Alliierten in West-Berlin bleibt bei diesem Vergleich leider ausgeklammert. Müllers Studie schreibt dennoch ein wesentliches Stück Sozialgeschichte der Besatzung, vom Anfang 1945 über Jahre der Gewöhnung bis zum versöhnlichen Ende 1994, als die Sowjetarmee Deutschland verließ. Müller verschweigt nichts – weder Vergewaltigungen, Prostitution, Einbrüche, Schwarzhandel noch Umweltsünden und Kleinkriminalität aller Art –, räumt aber auch mit einigen Vorurteilen auf wie der angeblich höheren Kriminalität der Besatzungstruppen. Nach ihrem Abschied war der Volkszorn über kleinere und größere Untaten in der Umgebung von Kasernen und Truppenübungsplätzen schon erstaunlich bald verraucht. Hatten noch 1990 über 70 Prozent der DDR-Bürger den schnellen Abzug der Sowjets befürwortet (und nur sechs Prozent ihr Verbleiben in der DDR), so wollten sie schon 1994 nur noch 42 Prozent als Besatzungsmacht empfunden haben, 32 Prozent „eher als Freunde und Verbündete“. Hannes Schwenger

Christian Th. Müller: US-Truppen und Sowjetarmee in Deutschland. Erfahrungen, Beziehungen, Konflikte im Vergleich. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012. 398 Seiten, 48 Euro.

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