Kultur : Bescheidene Bilanz

Schillernd zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Aktuelle Bewertungen des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

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Vor 50 Jahren hielt John F. Kennedy seine berühmte Rede in Berlin. Vergangene Woche eiferte ihm Barack Obama nach – zum zweiten Mal. Bereits 2008 hatte er vor der Siegessäule gesprochen. Damals wurde er als „schwarzer Kennedy“ gefeiert. Heute ist der Blick auf ihn nüchterner, gleichwohl der Empfang in Deutschland überaus warmherzig war. Aber kann Kennedy überhaupt ein Vorbild für Obama sein? Neue Bücher über Leben und Werk von JFK wecken Zweifel. Alan Posener ist hier in seinem Sujet. Der „Welt“-Journalist fügt mit seinen Anmerkungen zu Kennedy seiner eindrucksvollen Reihe feinfühliger Porträts bekannter Figuren der Geschichte wie John Lennon, Elvis Presley, William Shakespeare, Franklin Delano Roosevelt und nicht zuletzt der Gottesmutter Maria eine weitere Biografie hinzu.

Bei Posener liegt die Messlatte folglich hoch. Und er enttäuscht seine Leser nicht. Elegant geschrieben und mit leichter Hand komponiert gelingt es ihm, die zahlreichen Seiten von Kennedys komplexer Persönlichkeit treffend zu beleuchten. Hier wird kein vermeintlicher Held des Westens geehrt. Hier wird vielmehr die Schere sichtbar, die sich gerade beim Politiker Kennedy zwischen Anspruch und Wirklichkeit oftmals öffnete. So stellt Posener zu Recht fest, es sei eine Sache, Ideen zu entwickeln, eine andere, sie umzusetzen. Womit bereits die Tragik von Kennedys Präsidentschaft umrissen ist: Unter den hellen und schnellen Köpfen, die ihn berieten, verfügten nur wenige über Regierungserfahrung. Er selbst habe „so viel Zeit in den vergangenen Jahren damit zugebracht, Leute kennenzulernen, die mir helfen könnten, Präsident zu werden“, dass er nur sehr wenige Leute kenne, die ihm „helfen könnten, Präsident zu sein“, wie er dem früheren Außenminister Dean Acheson gestand.

Posener beschreibt eine innenpolitische Situation in den Vereinigten Staaten der 60er Jahre, der sich heute in ähnlicher Weise Barack Obama gegenübersieht: Dem neuen Präsidenten waren daheim weitgehend die Hände gebunden. Sein knapper Wahlsieg gegen Richard Nixon bedeutete, dass er bei jeder innenpolitischen Initiative den Kompromiss mit mächtigen Interessengruppen innerhalb und außerhalb der Politik suchen musste, die für eine Wiederwahl 1964 bedeutend sein könnten. So war im Kongress eine Koalition aus Südstaaten-Demokraten und Republikanern in der Lage, beispielsweise jede Bürgerrechtsgesetzgebung zu blockieren.

Umso mehr wendete sich Kennedy der Außenpolitik zu. Wird er in der westlichen Öffentlichkeit bis heute als eine Art Friedensfürst verehrt, so wird bei Posener deutlich, wie sehr Kennedy die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik in Wahrheit militarisiert hat. Seine offizielle „Strategie des Friedens“ war keinesfalls ein Programm der Abrüstung. In seiner Antrittsrede als Präsident betonte er: „Nur wenn die Stärke unserer Waffen über jeden Zweifel erhaben ist, können wir ganz sicher ausschließen, dass sie jemals angewendet werden.“ Nur einen Tag zuvor hatte der erfahrene Weltkriegsgeneral Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vor der „nicht zu rechtfertigenden Zunahme an Einfluss durch den militärisch-industriellen Komplex“ gewarnt. Doch anstatt der Weisheit Eisenhowers zu folgen, ließ Kennedy seinen Verteidigungsminister Robert McNamara, der als ehemaliger Leiter des Ford-Konzerns den „militärisch-industriellen Komplex“ nach Poseners Urteil geradezu idealtypisch verkörperte und auch für das spätere Vietnam-Desaster der USA mitverantwortlich war, Amerikas bis dahin größtes Aufrüstungsprogramm in Friedenszeiten organisieren.

In Kennedys letzter Rede vor seiner Ermordung am 22. November 1963 wurde bei einem Frühstück mit texanischen Geschäftsleuten die Dimension dieser Politik sichtbar: „In den vergangenen drei Jahren haben wir den Verteidigungshaushalt der Vereinigten Staaten um über 20 Prozent erhöht; das Beschaffungsprogramm für Polaris-Unterseeboote von 24 auf 41 erweitert; unser Programm zum Kauf von Minuteman-Raketen um über 75 Prozent aufgestockt; die Zahl unserer einsatzbereiten strategischen Bomber und Raketen verdoppelt; die Anzahl der verfügbaren Atomwaffen ebenfalls verdoppelt; die in Westeuropa stationierten taktischen Atomwaffen um über 60 Prozent erhöht; die Armee um fünf einsatzbereite Divisionen, die Luftwaffe um fünf Kampffliegergeschwader erweitert; unsere strategische Luftlandekapazität um 75 Prozent erhöht und die Anzahl unserer in Südvietnam eingesetzten besonderen Anti-Guerilla-Streitkräfte um 600 Prozent.“ Es war eine Verstärkung des Engagements in Vietnam, die auf einer Fehlwahrnehmung des Konflikts auch durch Kennedy beruhte und zur bis dahin schwersten Niederlage der USA in Übersee führen sollte.

Wie sehr Kennedy bereits in jungen Jahren Situationen und Gemengelagen falsch einschätzte, geht aus seinen Reisetagebüchern und Briefen der Jahre 1937 bis 1945 hervor, die Oliver Lubrich in einem überaus erhellenden Band versammelt. Der Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Bern dokumentiert in seinen aktuellen Forschungen die Berichte internationaler Autoren über das nationalsozialistische Deutschland. Was er dabei von Kennedy zusammenträgt, ist zutiefst ernüchternd.

Irritierend wirken aus heutiger Sicht vor allem die Stereotype, mit deren Hilfe der durch Europa reisende Student Kennedy Orientierung suchte: Aus dem Besuch eines Stierkampfes schloss er, dass die Spanier Gewalt lieben. Die Franzosen hielt er für hygienisch nachlässig: ein „primitives Volk“ mit „kohligem Mundgeruch“; die Italiener für „das neugierigste Volk überhaupt“, aber „straff organisiert“, „die ganze Rasse wirkt attraktiver“. Derart ethnopsychologische Spekulationen sind es nach Lubrichs Studien auch, die zu einer gewagten Schlussfolgerung Kennedys führen: „Faschismus ist das Richtige für Deutschland und Italien, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.“

Was bleibt von diesem Mann? Welches politische Erbe hinterließ er? Ronald D. Gerste, Buchautor und Wissenschaftskorrespondent in Washington, weist darauf hin, dass selbst wohlgeneigte Historiker und Biografen Kennedys Bilanz als eher bescheiden bezeichnen. Denn es sind nicht viele Gesetzesvorhaben gewesen, die JFK durch den Kongress bekommen hat. Einen großen Teil seiner Regierungszeit verbrachte er mit rein exekutiven Aufgaben. So war es sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, der die von Kennedy angestoßene Bürgerrechtsgesetzgebung auf den Weg brachte und in seinem Sinne die umfassendsten sozialen Absicherungen seit Roosevelts „New Deal“ einführte. Kennedy hatte gesellschaftspolitische Sicherheit und die Zufriedenheit seiner Mitbürger für die unverzichtbare Grundlage der globalen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten gehalten. Eine Politik, die heute Barack Obama fortführt. Er nennt sie „Nation Building at home“.

Alan Posener: John F. Kennedy. Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 200 Seiten, 18,95 Euro.

John F. Kennedy: Unter Deutschen. Reisetagebücher und Briefe 1937-1945. Hrsg. von Oliver Lubrich. Aufbau Verlag, Berlin 2013. 256 Seiten, 22,99 Euro.

Ronald D. Gerste: John F. Kennedy. 100 Fragen – 100 Antworten. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013. 272 Seiten, 16,95 Euro.

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