Kultur : Beschreibung eines Krampfs

„Im Dickicht der Städte“: Castorfs Brecht an der Berliner Volksbühne

Rüdiger Schaper

In Berlin gibt es jetzt die große Ausstellung zur „Melancholie“. Man könnte diese Inszenierung dort komplett hineinstellen, als Volksbühnen-Artefakt. Wobei zu diskutieren wäre, wem nach drei Stunden melancholischer zumute ist. Dem Publikum oder den Künstlern.

Frank Castorf wühlt sich ins „Dickicht der Städte“ – im Brecht-Jahr. Aber hier hat man es viel mehr mit Reminiszenzen eines Regisseurs zu tun. Früher Brecht trifft auf frühen Castorf. Und der lässt einen seiner hyperventilierenden Helden über die „Anarcho-Scheiße von vorvorgestern“ fluchen. Wir erinnern uns?

Eine schöne Frau entsteigt einem Pappkarton. Wie einst bei Castorfs „Miss Sara Sampson“, unvergesslich. Die Gehwegplatten auf Bert Neumanns weit in den Zuschauerraum ragenden Bühne – kennen wir aus seinen „Erniedrigten und Beleidigten“. Steve Binetti, der spillerige Gitarrist mit der Fistelstimme – war ewig nicht an der Volksbühne dabei. „Ihr Kadettfahrer“, rotzt Milan Peschel, er spielt hier den Garga. Berühmtes Zitat aus Castorfs „Räubern“ von anno 1990, als alles frank und frei begann. Damals eine Publikumsbeschimpfung von Henry Hübchen. Hübchen sollte nach längerer Abwesenheit jetzt als Shlink auflaufen, Gargas Gegenspieler. Er hat vor ein paar Wochen abgesagt, eine Erkrankung. Wir sehen sein Konterfei auf einem Steckbrief. Wanted! Herbert Fritsch ist für Henry Superstar eingesprungen und wirkt in dem Dickicht der Betten noch am frischsten.

Das Stück – wann zuletzt hat Frank Castorf ein Stück inszeniert? – beschreibt ein Duell. Motiv unwichtig, einfach so. Garga und Shlink gehen einander an die Existenz. Der junge Brecht, die Uraufführung war 1922 in München, hat so etwas wie eine Globalisierungswelle reflektiert. Wirtschaftskrise, radikale Verschärfung der Lebensumstände. Moral wird nicht gegeben. Ein Boxkampf ohne Prämie. Auch keine Anzeichen für einen Aufstand der Boxer. Du bist Volksbühne. Schlag zu. Und dann leg’ dich wieder hin.

Auch Melancholie braucht keinen Grund. Wer also gegen wen? Castorf gegen Castorf, wie es ausschaut. Nicht nur wegen der allfälligen Selbstzitate. Nach zwanzig Minuten ist die Bühne zugemüllt, und keiner weiß weiter. Der Brecht’sche Halbvorhang: hier ein silbrig’ Glitzerteil, in dessen Strippen sich die Akteure gern verfangen. Herbert Fritschs Shlink mit Rockertolle, elegantem Anzug und klackenden Stepp-Schuhen trägt dick auf. Macht die Leute an. Aber keiner hat Lust auf Party. Die Castorf-Girls, wie immer in Reizwäsche und Killerstiefeln. Gargas Freundin Jane (Irina Kastrinidis) schreit sich die Lunge aus dem Hals, und Gargas Schwester Marie versucht, Haltung zu bewahren: Jeanette Spassowa macht ein so wunderbar fragendes Gesicht, dass man ihr in dem zähflüssigen, angeblich aufgebrauchten Chaos eine Weile folgen kann. Dann ist sie plötzlich verschwunden.

Wo bleiben die Kontrahenten? Fritsch und Peschel sind mit sich selbst beschäftigt, gehen sich aus dem Weg. Lesen anfangs ihren Konflikt aus Büchern heraus, mit angetäuschtem Staunen. Castorf, der große Roman-Verwerter, führt Brecht auf die Prosa zurück. Als wäre ein Dialog schon Verrat – zu viel dramaturgische Anerkennung einer wie auch immer gearteten Tradition der klassischen Moderne.

Wir sehen Gestalten (wieder), die sich jeglichen Kommentars zu Brecht enthalten. Sehen statt Figuren Menschen, und mit ihnen werden wir seit zehn, fünfzehn Jahren gemeinsam älter. Macht’s euch gemütlich, aber nicht zu sehr. Wenn die Hintertür aufgeht, hört man Straßenhöllenlärm. Draußen ist Berlin, Sao Paulo oder Brechts imaginiertes und so oft strapaziertes Chicago. Der Realität wird die Tür gewiesen. Das Theater schmort im eigenen Saft, in der schwarzen Galle der Melancholie, im Blut aus der Requisitenabteilung, im Schweiß der Castorf’schen Vordergrundkämpfer, die eigentlich Ringer sind. Müde Swinger. Maulklammeraffen.

Man kennt sich. Vielleicht zu gut, um einen harten Schaukampf auszutragen. Volker Spengler (Papa Garga) und der unerschütterliche Hendrik Arnst haben so die Ruhe weg. Die beiden wären auch ein gutes Shlink-und-Garga-Paar. Oft geht es bloß darum, wie man sich einen Platz in dem großen Bett erkämpft. Astrid Meyerfeldt als Hotelbesitzerin scheint rhetorisch um ein gewisse Ordnung bemüht. Von Tragik reden wir eh’ nicht – aber dieser Castorf ist auch seltsam unkomisch.

Natürlich hat es Unterhaltungswert, wenn Hendrik Arnst auf dem Klavier herumklimpert und die Mackie-Messer-Ballade ruiniert. Wenn Steve Binetti Jimi Hendrix bemüht („The Star Spangled Banner“) und nuschelt: „Und weil der Mensch ein Mensch ist . . .“ Verdammtes weil. Was folgt denn daraus? Müssen wir leiden, weil Castorf Brecht so sehr misstraut, dass er, Castorf, sich selbst bis zur erschöpften Kenntlichkeit zurichtet? Weil Milan Peschel einmal, wirklich nur einmal ein Stück Text spricht, so dass es sitzt, ganz am Schluss, da er seinen seltsamen Kumpel Schlink anzeigt?

Die Welt ist voller fürchterlicher, unbegreiflicher Geschichten. Die Menschheit lernt nicht. Castorf zeigt ein totales Leerstück. Einen Krampf auf Liegen und Stechen. Macht bloß kein Theater!

Wieder am 25. und 26. Februar sowie am 4. und 11. März.

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