Kultur : Beschwören, befreien

KAMMERMUSIK

Jörg Königsdorf

Die Dynamik von Kunst ist unvorhersehbar: Mal scheint sie über Jahrzehnte zu stagnieren, mal fegt sie mir nichts, dir nichts einen ganzen mühevoll erarbeiteten Formenkanon hinweg. Ganze fünfzehn Jahre trennen Haydns als Opus 64 verkauftes Streichquartett- Sechserpack von Beethovens Rasumowsky-Quartetten. Und doch ist der innere Abstand zwischen den beiden so groß wie der zwischen Richard Strauss und John Cage. Artig, mit feinem Ton und zurückgenommener Agogik, absolviert das Quatuor Mosaiques im Kammermusiksaal das erste dieser Haydn-Quartette und beschwört in dem 1790 geschriebenen Werk noch einmal in ungetrübtem C-Dur den Geist des untergehenden Feudalzeitalters. Die Zurücknahme ist Taktik: Den Perspektivwechsel des Streichquartetts von der privaten Kammermusik zur öffentlichen Konzertform wollen die Mosaiques im programmatischen Dreisprung zeigen. Dass Haydn selbst noch an die Schwelle dieser Entwicklung gelangte, führen sie am nachgelassenen Quartetttorso Opus 103 vor. Hier gewinnt der Viererdialog mit einem Mal einen fast sinfonischen Atem, eine gesättigte Farbigkeit und eine ganz unkonventionelle formale Freiheit, die Beethoven greifbar nahe erscheinen lässt. Dessen mit den Rasumowsky-Quartetten vollzogener Befreiungsschlag gerät den Mosaiques allerdings etwas schüchtern. Bei aller gegenseitigen Höflichkeit kommt dem ersten Quartett seine großformatige Stringenz abhanden, werden die auflodernden Emotionen und radikalen Brüche nur behutsam vermittelt. Mit guten Manieren macht man keine Revolution.

0 Kommentare

Neuester Kommentar