Beschwörung einer Epoche : Der Ritzer von Eberswalde

Wilhelm Bartsch erinnert in seinem Roman „Das bisschen Zeug zur Ewigkeit“ an den Kindermörder Erwin Hagedorn – und an die letzten Hoffnungsjahre der DDR.

Erhard Schütz
Gelernter Rinderzüchter. Der Lyriker und Erzähler Wilhelm Bartsch.
Gelernter Rinderzüchter. Der Lyriker und Erzähler Wilhelm Bartsch.Foto: Norbert Kaltwasser/Osburg Verlag

Wie makaber begann sein erster Roman „Meckels Messerzüge“: „Ich war dreizehn Jahre alt, mein Freund Ludwig Wucherer erst zwölf, als das Unvorstellbare auch wirklich geschah – wir schnitten meinen Vater auf. Wir köpften den Vater, natürlich vorsichtig, und wir weideten ihn aus. Dann entfleischten wir ihn und kochten seine Knochen.“ Es handelte sich dabei keineswegs um einen Thriller mit Hannibal-Lecter, sondern um historisch verbürgte Tatsachen aus dem Jahr 1803. Der Anatom Philipp Friedrich Theodor Meckel hatte es seinen Söhnen, den „Bachs der Medizin“, so aufgetragen.

Wilhelm Bartsch, der Verfasser des Buchs, hatte auch sonst allerhand zu bieten. Vor allem aber war ihm eine ungemein dichte Studie über die Zeit der Befreiungskriege gelungen, sprachlich kraftvoll und virtuos, ein Roman, der den Vergleich mit Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ nicht scheuen muss. Bartsch, bis dahin als Lyriker hoch geschätzt, hatte bereits 60 Jahre auf dem Buckel, als er das schrieb. Kein Wunder, dass man hier soviel heiteren Ingrimm und robusten Sarkasmus findet.

Sein neuer Roman „Das bisschen Zeug zur Ewigkeit“ beginnt mit nicht minder Unvorstellbarem: „Bob Dylan sollte im Ostfernsehen in der Sendung ‚Da lacht der Bär’ auftreten. Ich war gleich rot geworden, als ich das hörte, und ich erröte selten. Jörn Hundsalz beeimerte sich über die errötende Mürze, die er vor sich sah, und das war ich. Dennoch saßen wir am 16. Oktober 1965 alle, aber auch alle irgendwo vor der Glotze. Wir wollten auf gar keinen Fall den Nichtauftritt von Bob Dylan bei ‚Da lacht der Bär’ verpassen.“

Franz Florschütz, der das erzählt, ist etwa so alt wie Wilhelm Bartsch. Wie dieser ist er in Eberswalde geboren und aufgewachsen. Eine Autobiografie, zum Roman verbrämt? Ja und nein, denn auch dies ist zugleich ein historischer Roman, aus der Zeit, als das Projekt der DDR noch nicht heillos erschien – selbst nach der Intervention in Prag.

Im Kern steht eine nicht minder unerhörte anatomische Begebenheit: die makabren Kindermorde des Erwin Hagedorn, der 1972, nachdem er mit den Behörden zusammen einen Lehrfilm darüber gedreht hatte, Regisseur und Hauptdarsteller in einem, vom Henker durch einen „unerwarteten Nahschuss“ hingerichtet wurde. Es war die letzte in der DDR vollstreckte zivile Todesstrafe.

Franz mag Erwin eigentlich nicht, auch wenn der immer wieder um seine Aufmerksamkeit buhlt, ihn mit nach Hause, zu seinen strebsamen Funktionärseltern schleppt. Doch zusammen dealen sie mit Micky-Maus- und Jerry-Cotton-Heftchen. Franzens Opa, der renitente Schuster und Übervater des Romans, prophezeit früh: „So einer wie Erwin hockt mit fünfzig noch bei Muttern in der Küche auf der Kohlenkiste und mäkelt rum. Wenn er nicht vorher noch was Schreckliches anstellt.“

Franz indes hat neben dem Jibber auf West-Heftchen und noch mehr West-Musik anders gelagerte Interessen. Er ist unentwegt hinter Nymphen oder Jungweibern her. Insgesamt so hochfrequent, dass man nicht umhin kann, hier eine blechtrommlerische Retrovirilität des Erzählers am Werk zu sehen. Natürlich sind das allermeist saftige Körpereinsätze, deren größten Reiz ausmacht, wie es Bartsch immer wieder gelingt, die Sehnsüchte nach Zusammenhalt und Austausch durchscheinen zu lassen.

Es ist eine harte, rabiate, emotional durch und durch vom Krieg geprägte Welt, in die der Roman zurückführt. Ob die onkelwechselnde „Rabenmutti“, die schnapszuführenden Russen, ob Fritz Henke, der im Suff seine SS-Zugehörigkeit verrät, den Erwin zu Tode bringt und dort liegen lässt, wo Spartak, der Hund gestorben war. Gewalt und Tod sind allgegenwärtig, so fällt auch weiter nicht auf, wenn Erwin die Todesschreie von Kaninchen aufnimmt oder Kinder malträtiert, was ihm einstweilen nur den Übernamen „Ritzer“ einbringt.

Erwin wird Franz die Jugendliebe seines Lebens verderben, denn gerade als es mit Moni zur Sache gehen soll, steht panisiert von den gerade aufgefundenen Kinderleichen, Monis Vater, Oberlandforstmeister Dr. Montag, mit der Flinte über ihnen. Das ist denn auch das endgültige Ende der harten Eberswalder Jugendidylle. Die späte Evokation all der längst verschwundenen Orte, Marken und Male von damals sind der Traum dieses Buchs.

Seinen ganz besonderen Reiz aber macht aus, wie darin Brutalität und Rohheit unmittelbar neben Sensibilität und Zärtlichkeit liegen. Bartsch gelingt es auf beeindruckende Weise, ein Phänomen jener Zeit verdichtet lebendig werden zu lassen, einen zentralen Aspekt jener „arbeiterlichen Gesellschaft“ (Wolfgang Engler) – die Spanne zwischen plebejischer Verwahrlosung und anarchischem Bildungsstolz. In einen jungen, lebendigen Kopf passen viele Widersprüche. Der Beat Club Bremen ebenso wie „Sag mir wo du stehst“, Chuck Berry und Beethoven, Landser-Hefte oder die Enzyklopäadie „Weltall Erde Mensch“, Goethes „Reinecke Fuchs“, François Villon und Bulgakows „Meister und Margarita“, Lope de Vegas „Goldene Kutsche“ wie Sean O'Caseys „Purpurstaub“.

Eine solche Bandbreite weist Bartschs Sprache auf, eine ungemein bildstarke, mal rauhe, mal sanfte Sprache, widerständig ungefüge, mitreißend und verlockend. Auch wenn – die Problematik prosaschreibender Lyriker – manchmal doch zu sehr der eine Bildeinfall die andere Metapher auf die Fersen tritt, ist das von einer fleischlichen Kraft, wie sie die Sushi-Box-Literatur der Schreibseminaristen nie auch nur wird ahnen können.

Auch darin zeigt diese Geschichte letztlich Herkunft aus der DDR, aus einer Literatur, markiert etwa durch den frühen Erwin Strittmatter, Adolf Endler oder auch Werner Bräuning, auf ihre - befreiende - Weise geprägt wie Erwins Lieblingstraum: „Darin war er Genosse Kommandant von einem riesigen unterirdischen Kinder-KZ in der Sowjetunion. Erwin glaubte an den Sozialismus. Deshalb kam wohl für ihn nicht einmal im Traum in Kinder-KZ auf der Burg des Gil de Rais oder ein Indianer-KZ in der Nähe von Entenhausen in Frage.“

Wilhelm Bartsch: Das bisschen Zeug zur Ewigkeit. Roman. Osburg Verlag,

Hamburg 2013.

216 Seiten, 19,95 €.

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