Kultur : "Besondere Kennzeichen: Malerei": Des Malers Neue Medien

Elfi Kreis

"Besondere Kennzeichen: Malerei" hieß eine Gruppenausstellung, die in München und zu Jahresbeginn in der Wiener Kunsthalle Exnergasse präsentiert wurde. Es sollte gezeigt werden, welche Veränderungen die Erfahrung neuer medialer Bildformen für die malerische Praxis zur Folge hat. Vier der fünf beteiligten Maler aus München, Köln und Hannover stellt die Kunststiftung Poll nun unter dem gleichnamigen Titel auch in Berlin-Mitte vor. Nach Mathias Dornfeld und Rolf Pöllet sind nun im zweiten Ausstellungsteil Hansjörg Dobliar und Wolfgang Kessler an der Reihe, beide Meisterschüler von Ben Willikens an der Braunschweiger Kunstakademie.

Dobliar (Jahrgang 1970) bezieht sich auf Videostills aus Spielfilmen, etwa aus einem längst vergessenen Science Fiction von Saul Bass von 1973, oder Fotos aus Nachrichtenmagazinen, etwa eine Reportage des Western-Regisseurs John Ford zum "D-Day", der Landung der Alliierten in der Normandie 1944. Was die Originalvorlage noch zeigte, verliert in der malerischen Umsetzung über den Anlass zur Bildproduktion hinaus an Bedeutung. "John Ford" steht in seiner Wandinstallation aus 13 kleinformatigen Leinwänden (je 800 bis 950 Mark) gerade einmal als Bildtitel unter einer blauen Wasserlandschaft. Auch größere Formate wie "Earl", "Audrey" oder "621" lassen keine inhaltlichen Rückschlüsse auf ihre Vorlagen zu (2400 bis 3200 Mark).

Wolfgang Kessler hingegen malt nach eigenen Fotografien, die er während der Fahrt aufnimmt. Durch die Bewegungsunschärfe geben sie einen verwischten Blick auf vorbeiziehende Vorstädte, Industriebrachen, Lagerschuppen und Laderampen mit Lastwagen: Allerweltsansichten gesichtsloser Orte. Der 1962 geborene Maler aus Hannover setzt bei den Arbeiten der Serie "Zwischenraum (blur)" weiße Leerstellen als zusätzliche Brechung zwischen fotografischem Vorbild und Malerei ein. Neonlampen mutieren zu weißen Flecken. Sie erinnern an jene Balken, mit denen man bei Zeitungs- und Fernsehbildern Gesichter anonymisiert. Fensterrechtecke unscheinbarer Wohnhäuser, Baracken inmitten betonierter Ödnis werden zu geometrischen Weißflächen, die wie Abziehbilder einer flüchtigen Realität herausgeschnitten erscheinen (je 1200 Mark).

Der eingefrorene Pinselstrich

Parallel zu dieser Doppelausstellung widmet die Galerie Poll dem Künstler eine one man show in ihren Stammräumen am Lützowplatz. Dort überwiegen Großformate von Transport- und Schienenanlagen mit Zügen, Metro oder Bahnwaggons in verwischter, aber delikater Malweise (2900 bis 11000 Mark). Vielfach bestimmen streng horizontal angeordnete Bildzonen das untere Bilddrittel. Durch ihre Unschärfe verstärken sie den Eindruck von Geschwindigkeit, verstrichener Zeit, die in der Malerei wiederum zum Stillstand gebracht und wie eingefroren wirkt. Kessler treibt ein subtiles Spiel zwischen fotografiertem Bildgegenstand und seiner Umsetzung in die Malerei. Die von Fotoabzügen bekannten, weißen Streifen malt er ebenfalls auf den unteren Rand seiner Leinwand. Spätestens seit Gerhard Richter sind Unschärfen zwar kein neues Stilmittel mehr, so doch ein bewährtes, um in der Malerei wie auch der Fotografie Distanz zu Motiv und Darstellungsfunktion zu schaffen.

Kesslers Bilder verweigern sich dem Anspruch als ein Beweis für objektive Wirklichkeit (Fotografie); sie funktionieren aber auch nicht als subjektive Pinselgeste des Erfindergenies (Malerei). Stattdessen sorgen sie durch ihren Verzicht auf Eindeutigkeit für Irritation. Abstrakte und gegenständliche Momente bilden keinen eindeutigen Gegensatz mehr. Der Künstler zielt Pinselzug um Pinselzug auf das Dazwischen, den Grenzbereich der Medien. Im Übergang reflektiert er zugleich das Spezifische von Malerei wie Fotografie - und führt dabei die Flüchtigkeit unserer multimedial geprägten Wahrnehmungsweisen vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar