Kultur : Besser nörgeln

Zum Tod des Comic-Autors Harvey Pekar

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Zum Ende hin war es dann alles zu viel: Sein ganzes Leben lang litt Harvey Pekar unter Asthma, Bluthochdruck und Depressionen, in den letzten Jahren kam der Prostatakrebs hinzu. Am Montagmittag ist der amerikansiche Comic-Autor in seinem Haus in Cleveland gestorben.

Wie alles in seinem Leben thematisierte Pekar auch den Kampf gegen die Krankheit: Zusammen mit seiner Frau Joyce hatte er den Comic „Our Cancer Year“ geschrieben. Es ist – auch das nicht ungewöhnlich für den Pekar – die Geschichte eines unwichtigen Menschen. Denn vor inzwischen 35 Jahren hatte der Autor eine geniale Idee: Sein Leben als Archivar in einem Krankenhaus und seine Leidenschaft als Sammler von alten Jazzplatten war irgendwie unspektakulär.. Aber könnte nicht genau dies die Menschen da draußen interessieren, deren Leben genauso ereignislos verlief? So wurde „American Splendor“ geboren, und weil er selber nicht zeichnen konnte, gewann Pekar für jedes neue Kapitel seiner Memoiren einen anderen amerikanischen Künstler als Illustrator. Von Robert Crumb über Dan Clowes bis hin zu Darwyn Cooke gibt es keinen bedeutenden Comiczeichner, der nicht an „American Splendor“ beteiligt gewesen wäre.

Das wiederum führte Pekar Ende der achtziger Jahre zu einem Dauerengagement bei der TV-Show von David Letterman. Wortreich und misogyn, mit quäkender Altmännerstimme zog er hier über alle möglichen Themen der amerikanischen Innenpolitik her. Waldorf und Statler, die beiden Nörgler aus der „Muppet-Show“, waren gegen Pekar Leuchttürme des Optimismus. Das Publikum liebte ihn dafür, der Sender weniger. Pekar wurde nicht mehr eingeladen. Er kehrte in sein Krankenhausarchiv und zu den Comics zurück.

Erst der Kinofilm „American Splendor“ von Shari Springer Berman und Robert Pulcini machte Harvey Pekar 2003 weltbekannt. Das Werk gewann Preise in Cannes und beim Sundance-Filmfestival, war für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Raffiniert verschachtelt trat Pekar hier als er selber auf und spielte gegen eine Zeichentrickversion seiner selbst und den Schauspieler Paul Giamatti als Pekar an. Sehr komisch, sehr klug und vollkommen verzweifelt zeigen Comic und Film, wie mutig jemand sein kann, der einfach nur jeden Morgen aufsteht, und wie schwer es manchmal ist, unter dem alltäglichen Druck seine Würde zu bewahren.

Harvey Pekar wurde 70 Jahre alt, er hinterlässt eine Frau und eine kleine Adoptivtochter. Lutz Göllner

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