Kultur : Besser schlechte Träume als gar keine

JONATHAN FISCHER

Wer kann sich noch daran erinnern: Beim Abhören einer Platte stundenlang auf das Cover zu starren? Deren Graphik bis ins i-Tüpfelchen auf verborgene Botschaften abzuklopfen? Der Klangkonserve ein Panoptikum an Träumen anzudichten? Die bunten Bilder auf der Plattenverpackung hatten große Macht: Sie umhüllten die Musik mit einer Aura, dienten als Startbahn für Reisen durch Zeit und Raum.

Doch das war gestern.Die großen Papp-Cover sind zu CD-Booklets von nicht einmal Postkarten-Format geschrumpft, das Auge müßte glatt verhungern, wäre nicht längst eine ganz eigene Kunstform in die Bresche gesprungen: der Video-Clip.Ein Medium, das mehr will, als nur die Bilder zur Musik zu liefern.Viel mehr.Haben doch die schrillen Streifen das Verhältnis zwischen Künstler und Konsument neu definiert, die Balance nachhaltig zugunsten der optischen Präsentation verschoben.Ohne Clip kein Hit! Schließlich hat das Glaubensbekenntnis des Pop die Sehgewohnheiten der meisten Jugendlichen revolutioniert.Benachbarte Branchen wie Werbung und Film nutzen das aus, machen mit der Ästhetik der schnellen Schnitte einen guten Schnitt.

Nur die offiziellen Kulturträger tun sich nach wie vor schwer mit dem bunten Bilder-Hagel.Vielleicht weil der Clip aus seinem primären Daseins-Zweck, der Werbung, nie einen Hehl gemacht hat? Doch Kommerz hin, Kunst her: Spätestens seit Andy Warhol sind hier keine klaren Grenzen mehr auszumachen.Also hat sich das Münchner Kulturreferat entschlossen, das Feld nicht mehr allein den Videosendern zu überlassen."Popvideo - Querschnitt durch 30 Jahre Videokunst" nennt sich die Installation im Münchner Forum der Technik.Ein Versuch, die Clip-Flut historich in den Griff zu kriegen, sie auf 18 Monitoren nach Themen wie "Kitsch", "Sex / Drugs", "Money" und "Gay" zu ordnen.Ausgesucht haben die über 500 Clips Udo Kittelmann, Leiter des Kölnischen Kunstvereins, und Asta Baumöller, die Art-Direktorin des Musiksenders VIVA ZWEI.Willkommen im Vergnügungspark! Während tausende aufreizender Bilder non-stop über die Schirme im Untergeschoß des Deutschen Museums prasseln, laden mit Kopfhörer bestückte Sitzinseln die Besucher zum Elch-Test der eigenen Seh- und Hörgewohnheiten ein: Wie lange ist man dem Overkill der Schnittfrequenzen von bis zu hundert Bildern pro Minute gewachsen?

Der amerikanische Journalist Hugh Gallagher hatte 1990 im "Rolling Stone" das Protokoll eines Selbstversuchs veröffentlicht: "Experiment In Terror".Eine Woche lang setzte er sich der Dauerberieselung durch MTV aus.Fazit: Die Bilder wirken wie Drogen.Model-Körper, sterile Schönheiten, plastikbunte Pop-Liebe rund um die Uhr: Gallagher schien es vor allem daran zu erinnern, "wie wenig Sex ich habe".Das Allheilmittel dagegen impften die Bilder gleich mit: Konsum, Konsum, Konsum! Doch erst seit kurzem verfügen die Clips über die dazu nötige Raffinesse.Das früheste Video, vom Dokumentarfilmer D.A.Pennemaker zu Bob Dylans "Subterranean Homesick Blues" gedreht, beschränkt sich auf eine einzige Einstellung: Der Musiker zeigt der Kamera jeweils ein auf Pappkarton gemaltes Wort aus dem Songtext und läßt es anschließend auf den Boden fallen.Rückblickend mutet das erstaunlich avantgardistisch an: Schließlich müssen die meisten der in den 70ern und 80ern produzierten Video-Clips auf heutige MTV-Klienten ziemlich dröge wirken: Live-Konzert-Szenen, kaum Wechsel von Ort, Handlung, Geschwindigkeit.Die Tätigkeit der Regisseure beschränkte sich damals noch hauptsächlich auf Kameraschwenks und Filtereffekte.

Doch mit der rasanten Schlagzahl von House, Techno, Drum And Bass lernten auch die Bilder schließlich das Springen, Hüpfen, Rauschen: Da synchronisiert beispielsweise der Clip zu "Brown Paper Bag" den stotternden Rhythmus Roni Sizes Musik mit der Bewegung auf den Straßen New Yorks, unterlegt das englische Künstlerkollektiv Tomato Underworlds "Born Slippy" ein Kaleidoskop fluktuierender Zeichen und verschwommener Bildausschnitte.Immer mehr nutzen die Videos Abstraktion und Verfremdungstechniken, um in surreale Welten zu entführen.Michael Jackson war der erste, der bekannte Kino-Regisseuren mit Millionen-Summen zum Dreh seiner Videos köderte.Seitdem gehören die Video-Budgets zu den größten Ausgabenposten der Unterhaltungsindustrie.Fatale Folge: Mangelnde musikalische Potenz läßt sich besser als je mit videogenem Auftreten kaschieren.Von "geistloser Bilderflut" ist heute dennoch kaum noch die Rede.Sie haben längst Film- und Kunsthochschulen erobert.

Darüber hinaus übernehmen Videoclips heute mehr und mehr ideologische Trägerfunktionen: Sie stiften Identitäten, fungieren als Projektionsfläche für emotionale Befindlichkeiten, Glücksvorstellungen und Ängste ihrer meist jugendlichen Konsumenten - ohne deren Realität spiegeln zu müssen! Vielmehr entwerfen die Clips eine auf die (Schein-?)Bedürfnisse ihrer Zielgruppen getrimmte Gegenwelt.Freud und nach ihm die Surrealisten suchten im Traum nach einem weniger repressiven Leben.Die Gratifikation unerfüllter Wünsche in der Phantasie, so ihre Hoffnung, könne auf die Wirklichkeit zurückstrahlen.Übernehmen heute nicht die Videos diese Funktionen des Traums? Oder manipulieren sie uns lediglich in immer neue, unerfüllbare Begierden hinein? Die Wahrheit läßt sich wohl nur im Selbstversuch herausfinden.So lange gilt: Besser schlechte Träume als gar keine!

Forum der Technik, Museumsinsel

München, bis 23.Januar

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